06.03.2012

Routiere.

Wir sind Routine. Wir sind ein Ablauf und ein Prozess mit Anfang und Ende und mit Episoden und Epochen. Wir stehen auf um irgendwann schlafen zu gehen und wir arbeiten um irgendwann in den Urlaub zu gehen. Wir verdienen Geld um es auszugeben, wir essen um zu verdauen, wir trinken um zu pinkeln und manchmal: um lustig zu sein und dann verkatert. Wir trinken Kaffee um wach zu werden und Beruhigungstee um einzuschlafen. Wir putzen die Zähne um sie zu benutzen und um sie wieder schmutzig zu machen und sie wieder zu putzen und zum Zahnarzt zu gehen und zu erfahren, dass wir sie nie genug putzen können. Wir zahlen Verdientes ein in die Bank zur Verwendung und Anlage und Vorsorge. Was übrig bleibt, geben wir aus um uns Gutes zu tun: Wir kaufen Autos um den Tank leer zu fahren und voll zu tanken und um Diskussionsstoff zu haben in Form von Benzinpreisen und vollgestopften Straßen und Stau auf den Autobahnen und Blitzeis und Winterreifen und TÜV und integrierten Navigationssystemen mit DVD Spieler und USB Anschluss. Wir putzen das Auto und wir parken das Auto und wir regen uns fürchterlich auf über jeden Schmutzfleck auf dem Lack und über jeden Kratzer darauf. Wir kaufen und kaufen und wollen keine Gebrauchsspuren.
Wir stehen jeden Tag auf und waschen uns und vergehen gemeinsam mit den Tagen in die Jahre hinein. Wir haben Haare, die wachsen und die wir schneiden, und wir haben Haut, die verrutscht und Falten wirft oder braun wird im Sommer und blass im Winter oder rot wird und reagiert auf Allergien oder Rauch oder schlechtes Essen oder schlechte Gedanken. Wir stehen jeden Tag auf und sehen die Haut an im Spiegel und jeden Tag denken wir und denken wir zu viel, holen wir uns Beratung oder Medikamente oder trinken wieder um lustig zu sein und dann verkatert aber vielleicht für einen Moment zwischendrin: unbekümmert. Wir kaufen Kleidung und bewahren sie auf in Schränken und variieren sie jeden Tag, wir waschen regelmäßig, wenn der Wäschekorb voll ist, wir gehen einkaufen, wenn der Kühlschrank leer ist, wir putzen die Wohnung, wenn sie uns zu staubig ist, wir räumen auf, bringen Pfandflaschen weg, beziehen das Bett neu, spülen Geschirr, bringen den Müll raus, schlafen ein, wachen auf und gehen wieder einkaufen und gehen wieder arbeiten und gehen uns zwischendrin ein wenig amüsieren.
Amüsieren aber gehen wir uns nicht jeden Tag. Wir tanken Kraft dafür und brauchen Pausen und treffen nicht jeden Abend Freunde und gehen nicht jeden Abend aus zum Essen oder zum Trinken, gehen aber jeden Werktag arbeiten. Die Pflicht steht über dem Vergnügen. Wir verbingen fünf Tage mit basteln und kleben und rechnen und schreiben, mit Diskussionen und Besprechungen und Strukturierung und Terminplanung, mit Verhandlungen und Verwandlungen. Wir sind Arbeitstiere und müssen es sein: Acht Stunden Arbeit und acht Stunden Schlaf, um aufmerksam und munter und konzentriert zu sein bei den acht Stunden Arbeit. Bleiben acht Stunden zum Einkaufen, Essen, Trinken, Waschen, Putzen, Spülen, Rausgehen, Füße hochlegen, Menschen treffen, Autofahren, Fernsehen, zur Arbeit fahren oder gehen und nach Hause fahren oder gehen: Routine, die uns auch ins Wochenende begleitet: Achtundvierzig Stunden für uns. Zwei Tage um auszuschlafen statt aufzustehen, um Spazieren zu gehen oder zu fahren statt in die Arbeit zu gehen oder zu fahren, um Spaß zu haben statt Pflicht nachzugehen. Zwei Tage um Routine zu bekämpfen und zu versuchen, jene zwei Tage nicht Teil dieser Routine werden zu lassen. Und damit doch Teil einer weiteren zu sein.
Das Leben ist ein Zyklus: Jeder Tag ist eine kleine Woche und jede Woche ein kleiner Monat und jeder Monat nur ein kleines Jahr. Frühling und Herbst und Sommer und Winter und Schlussverkauf und zwischendrin, irgendwo in den sich immer wiederholenden drei mal acht Stunden, suchen wir nach einer Bedeutung und nach einem Sinn abseits der Routine, in die wir uns einnisten. Mehr Sinn als nur Säugetier sein: Mehr Sinn als nur geboren werden und überleben und sterben.

Kommentare:

  1. ODER: wir testen unsere grenzen aus und versuchen den tag und seinen ablauf an uns anzupassen so weit es geht, wir ruhen nicht aus oder tun das einfach, wenn wir ohnehin anwesend sein müssen. wir leben jede minute dazwischen und nicht nur in den ausgewiesenen pausen, wir lassen das leben an uns heran und liefern uns dem ständig aus. wo man ist, um das tun zu können, spielt meist keine rolle. wir beschließen eben doch an einem dienstag um 23 uhr noch vor die tür zu gehen und finden uns irgendwo um 5 uhr morgens wieder. zwar müde und kaputt. aber belustigt und lebendig. und wir freuen uns darauf, wenn die folgen dieser handhabung ihre schatten in unsere falten wirft. weil wir bis dahin viel gesehen haben, viel gelacht haben, viel geweint haben, viel lebendig waren, nicht nur in von 8 stunden eingerahmten bildern an der wand. lass dich frei.

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  2. ja. das ist es, was wir leben nennen (können). nicht nur müssen und warten, sondern: tun. zwischen den notwendigkeiten. denn wir können mehr als essen und trinken und verdauen und pinkeln. mehr als arbeiten und in routine verfallen.
    wir können auskosten.

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