22.12.2011

Zerträumt.

Als ich aufstand, war nichts mehr da. Ich habe alles leergeträumt: Die Regale und die Schränke und die Straßen und die Wohnungen. Mitten in der Nacht habe ich den Kühlschrank ausgeträumt und meinen Wohnzimmertisch freigeträumt und alle persönlichen Wertgegenstände habe ich penibel aufgeträumt und weggeträumt und stehe jetzt in der Leere und starre in sie hinein und breite die Arme aus und berühre nichts. Die Wände sind weg und die Nachbarn sind weg und die Familie und die Freunde und die Zeitrechnung und die Feiertage. Die Heimat ist verschwunden und der Wohnort, der Sehnsuchtsort und der Rückzugsort. Alles habe ich zerrissen in winzige Schnipsel und also in das einzige, was noch übrig ist: in Schnee, der auf den Boden fällt und auf die leeren Regale und Schränke und Straßen und in die leeren Wohnungen ohne Wände und ohne Dächer und ohne Nachbarn darin. Ich habe alles zu Schnee zerträumt und stapfe knirschend durch das, was übrig ist von allem, was war, und sammle alles, was übrig ist von dem, was war, ein auf meinem Kopf und in meinen Haaren und auf meiner Haut und lasse mich also bedecken von den Fetzen und atme sie ein. Ich esse sie auf und ich trinke sie, sobald sie schmelzen im Mund und ich lasse sie zergehen an mir und in mir und war meiner Umgebung und meiner Welt nie bewusster als in dem Moment, in dem ich sie zersetzt und verträumt, in dem ich sie zerträumt habe.

1 Kommentar:

  1. Zertraeumt zu Schnee. In Wasser aufgehen lassen. Sehr, sehr malerisch.

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