22.12.2011

Zerträumt.

Als ich aufstand, war nichts mehr da. Ich habe alles leergeträumt: Die Regale und die Schränke und die Straßen und die Wohnungen. Mitten in der Nacht habe ich den Kühlschrank ausgeträumt und meinen Wohnzimmertisch freigeträumt und alle persönlichen Wertgegenstände habe ich penibel aufgeträumt und weggeträumt und stehe jetzt in der Leere und starre in sie hinein und breite die Arme aus und berühre nichts. Die Wände sind weg und die Nachbarn sind weg und die Familie und die Freunde und die Zeitrechnung und die Feiertage. Die Heimat ist verschwunden und der Wohnort, der Sehnsuchtsort und der Rückzugsort. Alles habe ich zerrissen in winzige Schnipsel und also in das einzige, was noch übrig ist: in Schnee, der auf den Boden fällt und auf die leeren Regale und Schränke und Straßen und in die leeren Wohnungen ohne Wände und ohne Dächer und ohne Nachbarn darin. Ich habe alles zu Schnee zerträumt und stapfe knirschend durch das, was übrig ist von allem, was war, und sammle alles, was übrig ist von dem, was war, ein auf meinem Kopf und in meinen Haaren und auf meiner Haut und lasse mich also bedecken von den Fetzen und atme sie ein. Ich esse sie auf und ich trinke sie, sobald sie schmelzen im Mund und ich lasse sie zergehen an mir und in mir und war meiner Umgebung und meiner Welt nie bewusster als in dem Moment, in dem ich sie zersetzt und verträumt, in dem ich sie zerträumt habe.

18.12.2011

Erwartungsenthaltung.

Wir erwarten alles Mögliche von allen Möglichen und allem Möglichen. Wir bauen auf Erwartungen und merken erst, auf welch schwammigem oder büchigem Fundament wir uns eingerichtet haben, wenn das Fundament bröckelt und in sich zusammenstürzt oder wenn es wegschwemmt oder einsinkt oder wenn es weggerissen wird von etwas, auf das wir keinen Einfluss haben. Auf Erwartungen aber haben wir Einfluss: Wir schüren sie und wenden sie an. Wir lassen sie entstehen basierend auf Wünschen und auf Ereignissen und auf Wiederholungen und auf dem, was wir kennengelernt haben. Aber Erwartungen sind zwar in uns, jedoch immer gerichtet auf etwas oder jemanden und also abhängig. Erwartungen sind keine Vorhaben und keine Pläne und keine Vorsätze und keine Optionen. Sie sind Ansprüche, die wir stellen und die wir selbst nicht zu erfüllen in der Lage sind. Sie sind Abhängigkeiten davon, dass etwas so geschieht, wie wir es uns ausmalen oder ausmalten oder dass jemand so handelt oder so reagiert wie wir es uns vorher ausdenken oder ausdachten.
Es ist zu erwarten, dass jeden Tag die Sonne aufgeht und dass jeden Tag die Sonne untergeht. Es ist zu erwarten, dass der Hunger kommt und der Durst und dass uns der Schlaf irgendwann einholt. Es ist zu erwarten, dass wir alt werden oder dass das Leben irgendwann zuende geht, egal wie, und dass auf dem Weg dorthin das Leben anderer zuende geht und wir es miterleben müssen und verarbeiten müssen und es ist zu erwarten, dass wir Leid erleben und aber auch Glück und Freude und Erfolg und dass wir schwanken und Variationen durchleben. Es ist zu erwarten, dass wir Menschen treffen, die uns begeistern und Menschen, die uns belästigen und Menschen, die wir begeistern und Menschen, die wir belästigen. Zu erwarten ist viel in unseren Leben und wahrscheinlich fangen wir aufgrund dieser sehr wahrscheinlich entretenden Geschehnisse an, auch auf andere Ereignisse zu zählen: Wir bereiten uns vor und wir werden vorbereitet unser Leben lang von Erziehung oder von Beobachtung oder von Erfahrung am eigenen Leib. Doch gibt es einen Unterschied zwischen zu erwartenden Geschehnissen wie Tag und Nacht oder der Wahrscheinlichkeit des sich ändernden Wetters und tatsächlichen Erwartungen, die wir haben oder stellen oder auf die wir bauen.
Zu erwartenden Ereignisse und Geschehnisse stehen meist in Abhängigkeit zu unserem Umfeld. Erwartungen hingegen in Abhängigkeit zu unseren Mitmenschen und also zu Individuen und zu sich variierenden und genau wie die eigenen sich ebenfalls entwickelnden Meinungen und Handlungen und Wünschen und wiederum Erwartungen. Man kann nicht bauen auf Steinen, die in Bewegung sind, die ständig weitergehen und weiterwollen und nicht stillstehen können und das auch nicht sollen. Wir verwechseln Hoffnungen mit Erwartungen und tun es dann, wenn Hoffnungen so oft erfüllt worden sind, dass sie beginnen, zu Selbstverständlichkeiten zu werden. Wenn Hoffnungen nicht mehr gerechtfertigt sind, weil wir nicht mehr hoffen auf etwas, das bereits eingetreten ist: Stattdessen gewöhnen wir uns daran und aus Gewohnheit wird nichts anderes als das Wiederkehren von Tag und Nacht und von Hunger und Durst und von Wachen und Schlafen: Es ist zu erwarten.
Aber wir gehen wir um mit dem Tag, an dem es nicht mehr hell wird und wie gehen wir um mit der Nacht, in der wir nicht mehr schlafen können und mit dem Jahr, in dem es keine Jahreszeiten mehr gibt und mit dem Gefühl, nichts mehr essen zu können und nichts mehr trinken zu können oder kein Essen mehr zu haben oder kein Trinken mehr zu haben. Wie gehen wir um mit sich auflösenden zu erwartenden Selbstverständlichkeiten und wie gehen wir also um mit sich nicht erfüllenden Erwartungen und mit wegbrechenden Fundamenten, auf die wir zu bauen uns so sicher gefühlt haben. Erwartungen werden zu Besitztümern: Zu Teilen unserer Identität und zu Dingen, die uns charakterisieren und jeden Tag im Verhalten beeinflussen. In Ausdrucksweise und in Aufenthaltsweise und in Arten und Weisen der Aktionen und Reaktionen. Sie werden zu etwas, das wir herumtragen mit uns und an das wir uns gewöhnen wie wir uns an alles gewöhnen und die wir zu vergessen in der Lage sind, wie wir alles zu vergesen in der Lage sind, wenn es uns lange genug begleitet. Erwartungen starren uns erst dann wieder unverhüllt an, wenn sie nicht erfüllt werden und erst dann merken wir, dass wir sie gestellt haben und wie abhängig wir sind und wie alles Fundament wegbricht, weil wir aufgehört haben, zu hoffen und stattdessen angefangen haben, zu rechnen mit etwas oder mit jemandem. Aber dann ist es zu spät, nicht enttäuscht zu sein. Dann ist es zu spät, sich der Erwartungshaltung zu enthalten.

16.12.2011

Klauberei.

Worte sind nur Buchstaben und die sind nur Objekte, denen wir uns bedienen, die wir essen oder runterschlucken oder in die Luft werfen und zerschlagen und zertreten. Sie sind nur Gegenstände, die in Gebrauch sind, weil wir nichts komfortableres haben, uns auszudrücken. Sie sind Allgemeingut aus Tüten und kein Wort gehört jemandem und jedes Wort gehört also auch jedem anderen.

04.12.2011

supposing.



everything the way it's supposed to be.
a huge thank you to andrew and james.