09.11.2011

Gerippeschutzimpfung.

Bitte lächeln auf den Bildern und in die Kameras. Wir werden gefilmt und photographiert und wollen doch nett aussehen und erfreut und wollen doch so aussehen, nicht wie wir sind undoder waren, sondern wie wir gerne an uns erinnert werden. Momente verändern und festhalten. Schönheiten forcieren und alle fallen sich in die Arme auf den Bildern und prosten sich zu und lachen sich an und grinsen oder schneiden Grimassen oder brüllen für die Linse. Menschen auf Straßen winken in Kameras und bleiben stehen und starren hinein und verhalten sich in vielerlei Weise, nur nicht natürlich. Weil wir immer sein wollen, ein Eindruck oder eine Erinnerung oder Erwartung. Und wir können ja auch gar nicht mehr einfach sein, weil das einfache Sein an sich uns nicht sein lässt und uns ständig in die Quere kommt. Weil wir auf uns achten müssen und aufpassen und immer die Kontrolle wahren. Contenance und Disziplin und angemessene Aktion und akurate Reaktion. Passende Kleidung und passende Empathie sowie unbedingte Pflege und Weiterbildung des Allgemeinwissens und Wissens im Allgemeinen. Jeden Tag waschen und Acht geben auf die Zähne und am besten mit Zahnseide und mehreren Spülungen. Aufstehen und sauber machen und raus gehen und arbeiten und zufrieden sein oder wenn nicht: Hilfe aufsuchen. Genug und nur bedachte Ernährung und achten auf den Blutzucker und regelmäßige Routinekontrollen und immer vorbeugen.
Zustand in Papierform und auf Plastik: Wir brauchen nur noch Impfpass und Gesundheitskarte und vielleicht Kreditkarte und Bahnkarte und Videothekenmitgliedskärtchen und biometrischen Ausweis undoder Reisepass. Und den Schlüssel nicht vergessen und das Telephon inklusive Zugriff auf Bankkonten und Postfächer und Wetterdienste und irgendwann vielleicht haben wir insgesamt nur noch ein Telephon oder eine Karte, die alles kann und alles preisgibt und beim Kauf von Zigaretten an Automaten auf aktuell notwendige Impfungen hinweist und auf Unter undoder Übergewicht und auf Zinssätze und Angebote der Bahn und die neuesten Filme und uns erinnert, wann wir geboren wurden und in welchem Land, und das Geld für die Zigaretten dann direkt abbucht von dem Konto der Bank gegenüber auf der anderen Straßenseite. Nur zur Haustür werden wir noch alleine gehen müssen und aufsperren und hineingehen.
Wir beachten Idealwerte oder nähern uns ihnen an und sollen nicht auffallen. Wir impfen uns gegen alles, was sich vor der Türe befindet und gegen alles, was sich in uns befindet und gegen alles, was von außen kommen kann und nennen es Prophylaxe und werden behutsamer und schmerzempfindlicher und empfindlicher in allen anderen Lebensbereichen und operieren schnell, wenn alle Vorsorge nichts half. Wir sind zu krank oder zu dick oder zu dürr oder zu dumm oder wir fragen zu viel und am Ende nehmen wir einfach das Rezept und nehmen es und nehmen es hin. Es gibt etwas für jeden und für alles oder gegen alles und vielleicht gibt es irgendwann einen Impfstoff gegen Fettleibigkeit oder gegen Untergewicht und gegen zu dünne Haut und gegen Falten und vielleicht gibt es irgendwann einen Impfstoff gegen Frustration oder Hunger oder Nachdenklichkeit. Vielleicht gibt es irgendwann einen Impfstoff gegen uns selbst, gegen unser eigenes Gerippe und unsere eigenen Gedanken und gegen unseren Widerstand. An die Fälligkeit wird uns der Automat erinnern, beim Kauf von Zigaretten oder beim Geldabheben oder beim Einchecken am Flughafen und vielleicht lässt uns das Telephon oder die Karte nach einigen Hinweisen nicht mehr bezahlen oder Filme ausleihen oder reisen, wird der Impfung zu lange nicht nachgegangen.

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