10.11.2011

Wüten.

Wohin also mit dem ganzen Gefühlskram und dem ganzen Gedankenkram, frage ich Herrn Ravioli, der wie gewohnt in der Ecke auf einem Stuhl sitzt (gängiges Verhalten eingebildeter und aber nicht mehr erforderlicher und ignorierter Persönlichkeiten) und nichts sagt, jedoch einmal kurz herüber sieht und mir mit einem Lächeln und einem Winken doch zumindest andeutet oder mich nur anspornt, mir einzubilden er höre mir weiter zu, um dann wieder in sein Selbsthilfebuch zu blicken und eine Seite umzublättern. Es heißt ja: Verarbeiten, sage ich weiter und: Aber was bedeutet das denn, bedeutet es Kauen und Schlucken und Verdauen und sich davon ernähren oder bedeutet es, die Materialien zusammen zu sammeln und zusammen zu kleben undoder nageln undoder klopfen und einen Stuhl daraus zu bauen zum Daraufsitzen beim nächsten Mittag oder Abendessen (Frühstück wird gewohnheitsbedingt ausgelassen) oder eben einen Tisch oder einen Schrank zum Aufbewahren der abgetragenen Klamotten, die an den Ärmeln sich bereits aufzulösen beginnen, oder ein Bett zum Drinliegen und zum Weiterdenken und womöglich zum Aufkommen neuer Eindrücke, die dann wieder verbastelt werden können in (sagen wir:) ein Bücherregal. Oder verarbeite ich etwas, indem ich es aufteile und überall hinverfrachte, wo ich noch Platz finde: In die Hosentaschen und die Jackentaschen und die Beutel und es immer mit mir herumtrage, in der Hoffnung (oder anfangs vielleicht noch Befürchtung), es sukzessive zu verlieren in den Straßen und es nicht merken und es dann einfach liegenlassen und weitergehen und in mir und in meiner Brust und in meinem Kopf nach dem Freiraum suchen und nach der abgefallenen Last, die jetzt auf der Straße liegt oder liegen muss irgendwo, weil sie nicht mehr in den Taschen steckt offensichtlich. Aber was ist, wenn jemand darüber stolpert oder ein neugieriges Kind alles aufhebt und in den Mund steckt und meinen Gefühlskram und meinen Gedankenkram aus Versehen verschluckt und sich am Ende verschluckt daran und es nicht mehr ausspucken kann. Was, wenn ein Radfahrer dagegenrauscht und darüberstürzt und sich den Kopf aufschlägt, weil er keinen Helm trägt und weil er nicht rechnet damit, gegen anderer Menschen Kram zu fahren mitten auf der Straße. Vielleicht muss man besser aufpassen auf seinen Gefühlskram und auf seinen Gedankenkram und ihn einschließen in eine Kiste zuhause und unters Bett schieben oder auf den Schrank oder wenn man so etwas hat: ins Kellerabteil beziehungsweise auf den Dachboden und einfach abwarten. Weil Staub irgendwann alles bedeckt, sogar uns selbst, wenn wir lang genug schlafen und uns nicht bewegen. Nur was wütet, sage ich zu Herrn Ravioli und sehe ihn für einen Augenblick an dabei statt nur auf den Holzboden vor mich und sehe das Selbsthilfebuch zugeschlagen auf dem Stuhl liegen und ihn Dehnübungen veranstalten auf dem Boden nebem dem Stuhl in der Ecke, entzieht sich dem Staub und was wütet, lebt und bewegt sich und ist auf jeden Fall unruhig und unstet und sowieso nicht greifbar, wie die Seele oder Gedankenstränge oder Gedankenstrenge (weil: auferlegt und diktierend) und nun könnte man meinen: die sind ja auch umhüllt von uns und von Haut und Gewebe und deshalb also keinem Staub ausgesetzt und sind unter Umständen (Ansichtssache) ohnehin weder sichtbar noch existent (im Sinne von: anfassbar) und deshalb also gar nicht relevant in der Frage des Staubbefalls. Aber: nur weil nicht sichtbar und weil nicht putzbar, sind Sachen dennoch vorhanden und Staub findet irgendwie auch immer trotzdem seinen Weg und ich fürchte, der ganze Gefühlskram und der ganze Gedankenkram strömt nur aus uns heraus und in uns herum und begründet also seine Existenz und seine Daseinsberechtigung (raison d'être ist ja auch kein schöner Begriff in einem deutschsprachigem Textfluss) auf diesen nicht anfassbaren Dingen unter unserer Haut. Wie ja sowieso alles, das uns ausmacht, sage ich weiter und stelle fest, dass Herr Ravioli nicht mehr anwesend ist und vielleicht entweder das Badezimmer aufgesucht hat oder aus anderen Gründen unbemerkt den Raum verlassen hat (auch dies nicht unüblich für eingebildete und aber nicht mehr erforderliche und mehr oder weniger ignorierte Persönlichkeiten), worauf das jetzt am Boden liegende beziehungsweise auf den Boden gefallene Buch hinweisen würde, aus uns kommt und nicht auf uns zu oder wenn doch auf uns zu dann doch eher sofort in uns hinein und deshalb nie lange nur um uns herum. Wie alles innen ist und außen nur eine Reflexion dessen oder ein Eindruck dessen und vielleicht aus diesem Grund eben auch der Gefühlskram und der Gedankenkram da bleiben sollte, wo er entstanden ist und da verarbeitet werden sollte, wo er nur wirklich existiert: In uns, nicht um uns. Verarbeiten als Verinnerlichung in sich und als Übergang vom Blut und Fleisch ins Fleisch und Blut und in die Seele (wenn man sie erwischt) und sogesehen eine Art der Reifung und Ausbreitung von Dingen und eine Bepflanzung der staubigen Wüste in unseren Körpern mit Gekautem und Geschlucktem und Verdautem und also mit nichts anderem als Dünger.

09.11.2011

Gerippeschutzimpfung.

Bitte lächeln auf den Bildern und in die Kameras. Wir werden gefilmt und photographiert und wollen doch nett aussehen und erfreut und wollen doch so aussehen, nicht wie wir sind undoder waren, sondern wie wir gerne an uns erinnert werden. Momente verändern und festhalten. Schönheiten forcieren und alle fallen sich in die Arme auf den Bildern und prosten sich zu und lachen sich an und grinsen oder schneiden Grimassen oder brüllen für die Linse. Menschen auf Straßen winken in Kameras und bleiben stehen und starren hinein und verhalten sich in vielerlei Weise, nur nicht natürlich. Weil wir immer sein wollen, ein Eindruck oder eine Erinnerung oder Erwartung. Und wir können ja auch gar nicht mehr einfach sein, weil das einfache Sein an sich uns nicht sein lässt und uns ständig in die Quere kommt. Weil wir auf uns achten müssen und aufpassen und immer die Kontrolle wahren. Contenance und Disziplin und angemessene Aktion und akurate Reaktion. Passende Kleidung und passende Empathie sowie unbedingte Pflege und Weiterbildung des Allgemeinwissens und Wissens im Allgemeinen. Jeden Tag waschen und Acht geben auf die Zähne und am besten mit Zahnseide und mehreren Spülungen. Aufstehen und sauber machen und raus gehen und arbeiten und zufrieden sein oder wenn nicht: Hilfe aufsuchen. Genug und nur bedachte Ernährung und achten auf den Blutzucker und regelmäßige Routinekontrollen und immer vorbeugen.
Zustand in Papierform und auf Plastik: Wir brauchen nur noch Impfpass und Gesundheitskarte und vielleicht Kreditkarte und Bahnkarte und Videothekenmitgliedskärtchen und biometrischen Ausweis undoder Reisepass. Und den Schlüssel nicht vergessen und das Telephon inklusive Zugriff auf Bankkonten und Postfächer und Wetterdienste und irgendwann vielleicht haben wir insgesamt nur noch ein Telephon oder eine Karte, die alles kann und alles preisgibt und beim Kauf von Zigaretten an Automaten auf aktuell notwendige Impfungen hinweist und auf Unter undoder Übergewicht und auf Zinssätze und Angebote der Bahn und die neuesten Filme und uns erinnert, wann wir geboren wurden und in welchem Land, und das Geld für die Zigaretten dann direkt abbucht von dem Konto der Bank gegenüber auf der anderen Straßenseite. Nur zur Haustür werden wir noch alleine gehen müssen und aufsperren und hineingehen.
Wir beachten Idealwerte oder nähern uns ihnen an und sollen nicht auffallen. Wir impfen uns gegen alles, was sich vor der Türe befindet und gegen alles, was sich in uns befindet und gegen alles, was von außen kommen kann und nennen es Prophylaxe und werden behutsamer und schmerzempfindlicher und empfindlicher in allen anderen Lebensbereichen und operieren schnell, wenn alle Vorsorge nichts half. Wir sind zu krank oder zu dick oder zu dürr oder zu dumm oder wir fragen zu viel und am Ende nehmen wir einfach das Rezept und nehmen es und nehmen es hin. Es gibt etwas für jeden und für alles oder gegen alles und vielleicht gibt es irgendwann einen Impfstoff gegen Fettleibigkeit oder gegen Untergewicht und gegen zu dünne Haut und gegen Falten und vielleicht gibt es irgendwann einen Impfstoff gegen Frustration oder Hunger oder Nachdenklichkeit. Vielleicht gibt es irgendwann einen Impfstoff gegen uns selbst, gegen unser eigenes Gerippe und unsere eigenen Gedanken und gegen unseren Widerstand. An die Fälligkeit wird uns der Automat erinnern, beim Kauf von Zigaretten oder beim Geldabheben oder beim Einchecken am Flughafen und vielleicht lässt uns das Telephon oder die Karte nach einigen Hinweisen nicht mehr bezahlen oder Filme ausleihen oder reisen, wird der Impfung zu lange nicht nachgegangen.

01.11.2011

Westennest.

Ich kaufe mir eine neue Weste und trage sie wider besseren Wissens ohne sie zu waschen vorher. Wenn ich lange genug warte und nichts unternehme, verwächst sie vielleicht mit mir und mit meiner Jeans und mit meiner ganzen Haut. Ich nehme am Abend meinen Staubfänger ab und schüttle ihn aus in einen Beutel und lege ihn neben mich und sehe nichts mehr. Im verschwommenen Raum schlafe ich nicht mehr im Bett, sondern in dem schwarzen Loch auf dem weißen Poster daneben. Ich krieche hinein und zurre meinen Schlafsack zu um mich herum und lausche den Geräuschen, die eine Wand von sich gibt, und bin eingehüllt in an mich wachsende Klamotten und einen Schlafsack und ziehe mir neue Schichten über gegen das Wetter und die Eindrücke jeden Tages. Der Beutel hängt an meiner Tür und ist der einzige Anhaltspunkt an das, was außen passiert. Schicht für Schicht wende ich mich ab und lasse nur noch das Gesicht frei und zugänglich und halte den Staubfänger fest im Wind und im Wetter und sammle alles ein: Regen, Lärm, Gespräche, Optionen, Lachen und Weinen und Liebe und Freude und Hass und Zorn. Der Staubfänger sammelt Emotionen für mich und Geschehnisse und der Beutel an der Tür beult sich aus am Abend, bis irgendwann genau wie meine Weste der Beutel sich anpasst an das, was sich darin befindet und verschmilzt und eins wird mit dem Inhalt und ich den Reißverschluss nicht mehr ausziehen kann, weil er mich auszieht, und die Weste verwachsen ist mit meiner Haut in dem schwarzen Loch auf dem weißen Poster. Ich habe einen Reißverschluss auf der Brust und einen Beutel an der Tür, der sich windet gegen das Festhalten und dessen Inhalt sich streubt gegen das Festgehaltenwerden. Manchmal klatscht er kurz gegen die Tür und es klingt, als klopfe es von außen mitten in der Nacht. Aber in der Wand in einem Schlafsack in eine Weste gewachsen kann jedes Geräusch klingen wie ein anderes.