19.09.2011

Selbst verstehen.

Konversationen auf Fahrrädern haben eine ganz eigene Qualität. Ein Mann fortgeschrittenen Alters fragt seine weibliche Begleitung fortgeschrittenen Alters durch den Regen und durch den Fahrtwind: Hast du Geld dabei. Die Reaktion: Na. Er: Ja oder nein. Woraufhin sie die Stimme erhebt und laut Nein durch den Abstand ruft. Der Ton suggeriert die Eindeutigkeit des vorangegangenen Nas als ein Nein und nicht als ein Ja, trotz Abstand und Wind und Regen und Undeutlichkeit. Die Selbstvertsändlichkeit des Verständnisses.
Wir bauen auf Verständnis und wir erwarten es und wir bringen es entgegen, wenn tausende Menschen durch die Stadt tummeln und sich in Ubahnen quetschen mit Biergläsern in der Hand und Augenringen im Gesicht. Eine Gruppe Minderjähriger sitzt auf den unbequemen Gitterbänken und teilt sich eine Flasche Sekt oder Wein oder sonstwas und trinkt dabei weniger als zu saufen. Die Flasche wird geleert wie Wasser nach tagelanger Durststrecke und ich blicke fasziniert auf den schluckenden Hals des jungen Mädchens und das Nichtabsetzen. Ein Mann sitzt alleine an einer entlegeneren Haltestelle auf der unbequemen Gitterbank und lässt den Kopf hängen und starrt nach unten oder schließt die Augen. Unter ihm und zwischen seinen Beinen eine riesige Lache gelber Flüssigkeit, die nicht nach Urin riecht, aber sehr exakt danach aussieht. Es ist nicht zu erkennen, was passiert ist. Es ist nur zu erkennen, dass die anderen unbequemen Gitterbanksitze um ihn herum sauberer sind und doch unbesetzt. Ich setze meinen Weg fort und beobachte vier oder fünf junge Erwachsene hinter dem Theater in schwarzer Kleidung: Eine Frau trägt Stulpen und ein Mann trägt gar nichts am Oberkörper und sie lachen und rauchen und sie sehen gut aus dabei. Auf der anderen Seite des Gebäudes steht das Publikum auf dem Gehweg und raucht und wartet oder trödelt. Ich freue mich über den Kontrast der beiden Straßen und darüber, dass jeder seinen Platz wahrt und setze mich inmitten des nahegelegenen Platzes zu Füßen einer Statue. Es ist selbsverständlich, dass die Gäste nicht hinter das Haus gehen, obwohl dort nur eine weitere Straße ist und eine weitere Adresse und weitere Menschen, die dort gehen, stehen, rauchen, wohnen. Ich freue mich über den Aufzug der Gäste, die sich gutgläubig schick mit Schmuck behängen und zumindest scheinbar teure Kleider tragen und elegant die Zigaretten vor sich halten, die Ellenboden in die Hüfte oder die Brust oder den anderen seitlich über den Bauch gelegten Arm gestemmt, und ich freue mich über die Darsteller, die auf der anderen Seite entspannen und lachen und das selbstverständlich nicht auf der Vorderseite des Gebäudes tun. Ich freue mich über die natürliche Unbekümmertheit der Bewunderten und über die zumindest temporäre Steifheit der Bewunderer und darüber, dass sie sich nicht begegnen.
Aus Versehen denke ich über Kluften nach zwischen den Menschen und darüber, wie die einen etwas lieben, was die anderen hassen und wie wir also niemals alle gleich sind und es nicht sein können. Kleinigkeiten teilen uns auf in Unterschiedlichkeiten und sorgen dafür, dass wir uns nicht begegnen. Sorgen dafür, dass die einen etwas haben und die anderen es gar nicht wollen. Wir sind nur eine Spezies, aber wir teilen keine Interessen. Wir teilen nur das Müssen: Essen und Trinken und Verdauen und Scheißen. Wir müssen alle Pinkeln, nur tun es die einen in Ubahnen und die anderen im Pissoir. Wir sind so viele und wir sind so anders, dass wir keinen Zugang zueinander finden. Vielleicht werden wir uns also immer in gegensätzlichen Straßen aufhalten, deren Mitte zueinander durch ein Gebäude blockiert ist, und vielleicht werden wir einfach keine Berührungspunkte finden, die alle zufriedenstellen, und vielleicht wird durch den Abstand bedingt immer einer ein Ja verstehen obwohl Na gesagt wurde.

13.09.2011

13 September 2011

es war erst gestern, da las ich, was ich von mir gab vor einem jahr. wieder ist es september und wieder scheint die sonne nur flüchtig durch die blätter an den bäumen und die luft wird etwas kühler und die bauarbeiten in den straßen gehen zuende. die trambahn fährt wieder normal, zumindest eine davon. die ubahn ist auch wieder offen an der haltestelle an meiner ecke und die primäre laufkundschaft der currywurstbude vor dem ubahnein beziehungsweise ausgang wird also wieder bedient. wir saßen am gehweg gegenüber und stocherten uns durch pommes rotweiß und spekulierten und diskutierten und dachten nach und wurden müde irgendwann. überall stehen autos: als gehörten sie zur architektur stehen sie an den straßenrändern vielmehr als dass sie dort parken. sie stehen wie feste gegenstände und im sommer diesen jahres war es einmal so und die autos waren alle weg und wurden durch mehr schilder als nötig ersetzt, alle paar meter, mit dem hinweis, fern zu bleiben. die schienen wurden aufgerissen und alles wirkte nackt vor den häusern und der in dieser zeit wenige durchgangsverkehr wurde knapp über den gehweg gelenkt und die arbeiter saßen in ihren löchern bei nacht und bei regen und schweißten und warfen lichter ins dunkel der grauen tage und abende. auf einem fahrrad klemmte eine puppe im gepäckträger und ertrug mit gesicht nach oben den fallenden regen, der durch schuhe sickert und an schirmen abprasselt. an sonnigen tagen suchten wir die stadt ab nach neuen möglichkeiten und landeten an theken und an tresen und wurden keines blickes gewürdigt und an anderen angelacht und dann nicht verabschiedet und an wieder anderen komplimentiert aufgrund einer begrüßung zuviel statt zu wenig. stühle knarzen und andere trommeln blechern auf dem holzboden, wenn man sich darauf setzt. bier schwappt auf holztische und schaumkronen verschwinden schneller als sie entstehen. wir lehnten an säulen alter gemäuer und lagen in rasen nahe am wasser und aßen obatzn mit brezen und tranken radler und viel wasser und bekamen sonnenbrand an den knien und den schienbeinen. wir fuhren fahrrad und wir gingen spazieren, wir trafen uns zum essen und zum diskutieren und wir nahmen uns urlaub. wir wollten weg und raus aus dem trott und dem alltag und nicht jeden tag das gleiche machen. keine regelmäßigkeiten mehr ertragen und stattdessen neues sehen und riechen und hören und finden uns in neuen gassen wieder, die aussehen wie alle gassen und sind auf der suche nach den kleinen unterschieden, nach denen wir uns sehnen. wir suchen viel und wir besuchen viel, wir ziehen um und wir ziehen umher und wir werden sesshaft und kündigen freundschaften und finden andere. wir besuchen das, was wir einst heimat nannten und tapsen durch wiesen und wälder und merken, dass es eigentlich keinen unterschied gibt zwischen hier und dort. vielleicht nur in der sprache und in der freundlichkeit und in der natur und in schaumkronen auf biergläsern. vielleicht in maßeinheiten und in gesprächsthemen und in fensterverglasungen und verkehrsausrichtungen, in währungen und wetterverhältnissen und essgewohnheiten und wir merken: es kommt alles von außen. wenn wir die augen schließen und die ohren und die nase und die haut, ist es nicht wichtig, an welchem flecken erde wir stehen. wichtig ist nur, wie wir dort stehen und wie wir durch die jahre gehen und wonach wir eigentlich auf der suche sind.