10.08.2011

Altern.

Die Bevölkerung will also Therapien. Sie will Heilung und Duschgel und etwas gegen trockene Haut. Denn unsere Gesundheit und unsere Jugend und unsere Haut ist uns lieb und wir setzen sie keinem Risiko aus und keiner Gefahr und also auch nicht dem Altern. Wir haben Angst vor Krankheit und vor dem Tod und wollen uns schützen, egal wie. Und stellen deshalb her. Wir forschen und basteln und testen, zu unseren Gunsten. Und weil wir so hoch entwickelt sind und weil wir so wichtig sind und weil wir alles übertreffen und nichts uns das Wasser reichen kann, züchten oder jagen oder halten wir uns unterlegene Geschöpfe und missbrauchen sie: Wir träufeln ihnen Tropfen ins Auge, weil wir nicht sicher sind, ob die Flüssigkeit ätzt oder das Sehvermögen verbessert. Wir schmieren ihnen Shampoo ins Fell, weil wir nicht wissen, wie lebendige Haut darauf reagiert. Wir füttern sie mit chemischen Substanzen, um herauszufinden, wie der Blutkreislauf sie verarbeitet. Wir schieben minderwertige Geschöpfe vor. Weil sie kein Recht darauf haben, mit uns zu konkurrieren. Wir halten Abstand und erkennen ihnen keine Identität an. Wir tricksen uns aus und geben den Tieren schlicht keine Namen und also kein Leben und wir interessieren uns nicht. Andere aber nehmen wir mit nach Hause und nennen sie Bello oder Struppi oder Lisbeth und haben sie lieb und pflegen sie und lassen nichts auf sie kommen und weinen, wenn sie krank werden oder überfahren oder wenn sie sterben am Alter. Wir kaufen Mittel, ihnen zu helfen, wenn ihnen das Fell ausfällt oder sie blind werden oder taub und es ist uns egal, an welchen namenlosen Geschöpfen diese Mittel ausprobiert wurden, um zertifiziert im Regal stehen zu dürfen; für unsere Liebe nehmen wir alles in Kauf. Und wenn es einfach nicht hilft und nichts in unserer Macht steht und wir alles versucht haben, dann kaufen wir ein neues Geschöpf und nennen es Beethoven oder Rudi oder Lisbeth, die Zweite.
Weil wir es einfach können.
Wir halten schützend unsere Hand über Freunde und Familie und definieren Freunde und Familie nach eigenem Ermessen und nach der Liebe, die wir zu vergeben haben und die wir vergeben wollen. Wir ziehen Kreise um uns, die uns wichtig sind und was nicht im Kreis ist, verliert an Bedeutung. Und wir weinen weniger um Kinder, die sterben und uns unbekannt sind als um einen Menschen, dessen Tod die Nachrichten füllt. Weil dieser Mensch uns näher stand als die Kinder. Weil wir glauben, ihn gekannt zu haben und weil er uns etwas gab: Musik oder Filme oder Gemälde, die uns rühren. Wir trauern mehr um die, die uns bewegen als um die, die uns nicht kümmern. Ist doch klar. Ist doch natürlich. Und menschlich: Wir können nicht alles lieben und auf alles achten. Nur auf uns und unsere Helden und unsere Lieben und unsere Haut. Auf unser Alter und unsere Schmerzen. Kein Platz für Minderwertiges.

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