22.08.2011

Spezienspezifisch.

Der Walhai ist der größte Fisch der gegenwärtigen Welt und hat mit fünfzehn Zentimetern die dickste Haut im Tierreich. Er kann bis zu zwanzig Meter lang werden und ist durch seinen großen Energieaufwand der Fortbewegung zu achtzig Prozent mit Nahrungsaufnahme beschäftigt, wobei hauptsächlich Plankton verspeist wird, das durch Ansaugen von Wasser durch den Mund gepresst wird. Auch Kleinstlebewesen werden dabei mit aufgenommen. Und trotzdem ist der Walhai eine bedrohte Art. Ein Fisch, dessen Lebensraum von riesigen Güter transportierenden Schiffen durchfahren wird, deren Schrauben durch das Wasser dröhnen und die Meeresbewohner betäuben. Ein Fisch, durch dessen Lebensraum Öl gepumpt wird in Rohren, damit der Mensch heizen und tanken und speisen kann. Damit er wohnen kann und Wohnungen kaufen oder verkaufen und vermieten kann. Damit er unterhalten wird und leben kann, wie er leben will und damit er noch größere Schiffe bauen kann mit den gelieferten Teilen.
Auf dem Festland sehen wir seit Jahren dem Waldsterben zu, dem sukszessiven und strukturierten Abholzen von Bäumen zur Herstellung von Möbeln und Musikinstrumenten und Papier und von Hackschnitzel als Rohstoff für die Industrie. Es ist ein Waldmorden. Borkenkäfer aber sind Destruenten: Sie bohren sich in die Rinde von Bäumen und ziehen Muster in das Holz und ernähren sich von den Saftschichten, die dem Stamm Flüssigkeit entnehmen und ein Absterben verursachen. Borkenkäfer vernichten also des Menschen potentielle Güter. Sie sind Parasiten und sie bereiten uns Kopfzerbrechen, weil wir in unseren Maßstäben und Berechnungen, wie lange wie viel unserer Wälder noch für uns von Nutzen sein kann, einen Käfer nicht berücksichtigen wollen.
Auch Ecuador will den Regenwald schützen. Der Yasuni Park ist noch weitgehend unberührt, hat aber Erdölressourcen im Boden, die dem Menschen wichtiger und teurer sind als Artenvielfalt. Die ansässige Regierung brüstet sich mit dem Vorhaben, den Wald schützen und die Bodenschätze nicht angreifen zu wollen und fordert dafür aber Entschädigung vom Rest der Welt. Ecuador hat etwas, das alle wollen und erpresst alle damit und deklariert es als Naturschutz. Denn: Wird nicht (genug) bezahlt, wird gebohrt. Ein Spiel auf Zeit, in dem es nicht um Wälder und Boden und Tiere geht, sondern um Macht und neue Währungen: Öl und Lebensraum.
Und weil wir unseren Lebensraum lieben und weil wir ihn schützen wollen, achten wir auf die Walhaie. Wir studieren und beobachten und markieren sie und wir bringen Sensoren an an ihrer Haut, um ihre Aufenthaltsorte zu markieren und Karten zu erstellen, um ihre Fortpflanzung zu verstehen und zu schützen. Damit dem armen Tier nichts passiert und wir weiterhin staunen können über die Wunder unserer Welt. Als Wunder unserer Welt gelten Borkenkäfer aber nicht. Ihnen scheint nur daran zu liegen, ein Wunder zu ruinieren, das einer weiteren Spezies wiederum die Möglichkeit gibt, die Welt zu erpressen. Was wir Kreislauf nennen, ist eine enge Gasse und was wir Vielfalt nennen, reduziert sich doch nur auf ein ausgewogenes Gleichgewicht der Dinge: Was zu viel ist, wird reduziert und was zu wenig ist, wird markiert und geschützt und gezüchtet. Was selten ist, ist wertvoll und was wertvoll ist, gibt Macht. Es resultiert in einer Sache: Wir mischen uns ein, um die Überhand zu behalten. Fruchtet die Pflege der Walhaie über die Maßen, wird er sicher irgendwann zum Problem und wir fangen an, das Plankton vor ihm bewahren zu wollen und die Kleinstlebewesen, so wie die Bäume vor den Käfern. Wir entnehmen Faktoren nach unserem Befinden und wir lassen niemanden in Ruhe. Was schon immer funktionierte, jede Plage, jede Seuche und jedes Sterben und Gebären in der Natur, ist uns nicht Recht und macht uns Sorge und Angst. Und aus unserer Angst resultiert immer wieder Vernichtung.
Wenn der Lebensraum erhalten werden soll, bedarf das nicht unserer Hilfe. Er muss nur in Ruhe gelassen werden. Wir wollen wieder gut machen, was wir ihm antun, hören aber nicht auf damit: Die schlechte Luft, das schlechte Wasser, die Radioaktivität, das Abschlachten. Das Wiedergutmachen aber ist ebenso ein Eingriff wie die Vernichtung es auch ist. Diese Welt wird uns überstehen. Weil Pflanzen und Tiere schon immer anpassungsfähiger und vielfältiger waren als wir. Und wenn die einen sterben, werden neue entstehen. Das ist, was man Kreislauf nennt. Der Mensch will Stagnation und Reorganisation der Natur, die für ihn Ressourcen sind. Er will seine eigene Entwicklung vorantreiben und dafür nicht nur in Kauf nehmen, dass der Lebensraum anstelle einer Weiterentwicklung eine Wiederverwertung durchlebt. Er will es sogar erzwingen. Und zeigt mit dem Finger auf den Käfer, den Parasiten.

10.08.2011

Altern.

Die Bevölkerung will also Therapien. Sie will Heilung und Duschgel und etwas gegen trockene Haut. Denn unsere Gesundheit und unsere Jugend und unsere Haut ist uns lieb und wir setzen sie keinem Risiko aus und keiner Gefahr und also auch nicht dem Altern. Wir haben Angst vor Krankheit und vor dem Tod und wollen uns schützen, egal wie. Und stellen deshalb her. Wir forschen und basteln und testen, zu unseren Gunsten. Und weil wir so hoch entwickelt sind und weil wir so wichtig sind und weil wir alles übertreffen und nichts uns das Wasser reichen kann, züchten oder jagen oder halten wir uns unterlegene Geschöpfe und missbrauchen sie: Wir träufeln ihnen Tropfen ins Auge, weil wir nicht sicher sind, ob die Flüssigkeit ätzt oder das Sehvermögen verbessert. Wir schmieren ihnen Shampoo ins Fell, weil wir nicht wissen, wie lebendige Haut darauf reagiert. Wir füttern sie mit chemischen Substanzen, um herauszufinden, wie der Blutkreislauf sie verarbeitet. Wir schieben minderwertige Geschöpfe vor. Weil sie kein Recht darauf haben, mit uns zu konkurrieren. Wir halten Abstand und erkennen ihnen keine Identität an. Wir tricksen uns aus und geben den Tieren schlicht keine Namen und also kein Leben und wir interessieren uns nicht. Andere aber nehmen wir mit nach Hause und nennen sie Bello oder Struppi oder Lisbeth und haben sie lieb und pflegen sie und lassen nichts auf sie kommen und weinen, wenn sie krank werden oder überfahren oder wenn sie sterben am Alter. Wir kaufen Mittel, ihnen zu helfen, wenn ihnen das Fell ausfällt oder sie blind werden oder taub und es ist uns egal, an welchen namenlosen Geschöpfen diese Mittel ausprobiert wurden, um zertifiziert im Regal stehen zu dürfen; für unsere Liebe nehmen wir alles in Kauf. Und wenn es einfach nicht hilft und nichts in unserer Macht steht und wir alles versucht haben, dann kaufen wir ein neues Geschöpf und nennen es Beethoven oder Rudi oder Lisbeth, die Zweite.
Weil wir es einfach können.
Wir halten schützend unsere Hand über Freunde und Familie und definieren Freunde und Familie nach eigenem Ermessen und nach der Liebe, die wir zu vergeben haben und die wir vergeben wollen. Wir ziehen Kreise um uns, die uns wichtig sind und was nicht im Kreis ist, verliert an Bedeutung. Und wir weinen weniger um Kinder, die sterben und uns unbekannt sind als um einen Menschen, dessen Tod die Nachrichten füllt. Weil dieser Mensch uns näher stand als die Kinder. Weil wir glauben, ihn gekannt zu haben und weil er uns etwas gab: Musik oder Filme oder Gemälde, die uns rühren. Wir trauern mehr um die, die uns bewegen als um die, die uns nicht kümmern. Ist doch klar. Ist doch natürlich. Und menschlich: Wir können nicht alles lieben und auf alles achten. Nur auf uns und unsere Helden und unsere Lieben und unsere Haut. Auf unser Alter und unsere Schmerzen. Kein Platz für Minderwertiges.