20.07.2011

Natürlich glücklich.

Ein kleines asiatisches Kind sitz in seinem Kinderwagen und isst Schinken und verliert ein Stück. Es regnet um uns herum und alle tümmeln sich im kleinen Wartehäuschen mit dem blauen Schild mit dem Hinweis, in diesem Bereich bitte nicht zu rauchen. Selbst Trambahnfahrer rauchen in diesem Bereich, wenn sie auf Schichtwechsel warten oder vom Schichtwechsel kommen. Eine junge Frau liest Zeitung, ein Bäcker gegenüber wird beliefert und die asiatische Mutter wischt dem asiatischen Kind mit einem Taschentuch über den Mund und die Wange. Als sie fertig ist, greift das Kind nach dem Taschentuch und wischt sich selbst erneut ab, fester. Dann sieht es durch die Scheibe in den Regen und wirft das Taschentuch von sich zu Boden.
Wir tragen feste Schuhe und starren wartend abwechselnd die Schienen entlang und auf das Kopfsteinpflaster und die kleinen Pfützen mit den Tropfen, die darin Kreise ziehen. Der Rest des Sturmes der letzten Nacht, der Wasser gegen und Blitze durch Fenster peitschte und Donner über Häuserdächer trug. Im Dunkeln erhellten sich die Wände und das Zimmer war wie in schwarzweiß und Keller laufen voll mit Wasser und draußen werden Regenschirme über Gehwege geschleppt und nehmen ganze Plätze ein. Wir krallen uns fest an den Schirmen und richten sie aus gegen den Wind und kämpfen mit dem Wetter und haben Angst vor Wasser und Nässe und Krankheit. Wir fürchten die Natur und wollen sie deshalb beherrschen. Wir verstecken uns vor Regen und schalten bei Gewitter den Strom ab und sind traurig, weil der Fernseher und also eines unserer Grundrechte ausgeht und haben entweder kein funktionales Feuerzeug mehr im Zimmer, weil wir gesund nicht rauchen, und keine frischen Kerzen oder haben ausnahmsweise alles im Haus, weil wir vorbereitet wurden von Agrarwetter Punkt DE. Weil wir alle Bewegungen und alle Bedingungen studieren und zu deuten lernen. Weil wir das Wetter zerlegen und zusammensetzen und aber noch keine Regulierungen gefunden haben, um den Sommer zum Sommer zu machen und den Winter möglichst kurz, weil wir es ja alle viel lieber warm mögen und deshalb in den Urlaub fliehen in den Süden in die Sonne an den Strand.
Irgendwann wollen wir Herrscher sein über das Wetter und über die Natur und sie uns zu Nutzen machen und sie uns also zu basteln, wie sie uns gefällt. Uns allen versteht sich. Standardisierung der Wetterverhältnisse, die wir anpassen an die Städte, die unseren Lebensraum bilden: Kein Regen in Utopia und keine Keime, kein verkleckertes Essen, keine kleckernden Kinder. Kein frühes Aufstehen für den Bäckerlieferanten und kein Aufräumen von weggeworfenen Taschentüchern mehr und aber unbedingt automatisiert frisches Brot und automatisiert frisch gedruckte Zeitungen mit ausschließlich interessanten Inhalten. Vielleicht kann das Internet in Zukunft diverse Kunden- und Nutzerdaten abgreifen und auf offensichtliche Themenschwerpunkte ausgerichtet aktuelle Nachrichten direkt aus den Informationen weltweiter Nachrichtendienste filtern und in Artikel verwandeln. So lesen wir immer, was uns beschäftigt. Oder was wir schon wissen, eingepackt in schöne Heftchen oder gedruckt auf dünnes knisterndes Papier: Je nach Vorliebe.
Weniger Arbeit und mehr Geld für alle, stand einst an einer Wand in einer Unterführung. Wir wollen doch eigentlich nur glücklich sein, ohne zu wissen, was das genau ist. Aber es könnte doch sein, dass Glück nicht für jeden das Gleiche ist. Womöglich ist Glück nicht zu erreichen durch Gentrifizierung oder Uniformität oder durch Herrschaft über die Natur. Vielleicht hat Glück einfach nichts zu tun mit Perfektionismus.

Kommentare:

  1. Hallo Stefan, aus reinem Zufall bin ich auf deine Seite gestossen. Ich machte eine Recherche im Netz über Stefan Lingg. Eigentlich warst nicht du gemeint sondern mein Bruder. Wie du erahnen kannst, ist mir dein Name bestens vertraut. Nun habe ich mich etwas umgesehen auf neverlanding und finde interessant, was du so von dir gibst. Vor allem die Fotos haben es mir etwas angetan - schöne Idee das ganze und nur schade, dass du wenige Kommentare einfährst, weshalb ich nun eben gerne ein paar Worte geschrieben habe. In dem Sinne liebe Grüsse, Yvonne (ihreszeichen auch eine Lingg; aber ein Schweizer Exemplar :-)

    AntwortenLöschen
  2. hallo yvonne. das ist ja eine freude. danke fürs vorbeischauen und deine lieben worte. linggs trifft man ja nicht allzu häufig, wie ich finde. obwohl mich am freitag ein asiate in der straße anhielt und mich bat, ihm den weg zur hermann-lingg-straße zu zeigen. ich habe ihn aber mit erläuterungen über den zufall verschont; er sah gestresst aus.
    schöne grüße in die schweiz.

    AntwortenLöschen