11.07.2011

Des Priviligierten Gier.

Ich habe nichts zu tun mit diesem Land. Nichts mit dieser Sprache und der Natur und der Kultur, der Politik und der Religion. Ich bin zufällig in eine Heimat geraten, in eine Gegend und in einen Sprachgebrauch. Mir wurde ohne mein Zutun eine Nationalität anerkannt, eine Hautfarbe und eine Augenfarbe und ohne meinen Willen taufte mich ein Priester und legte mir einen Glauben in die Wiege, ehe ich an irgendetwas glauben konnte. Ich wurde in einen Kindergarten gesteckt und in eine Schule und in eine Nachbarschaft. In ein Haus und in eine Gesellschaft mit Vereinen und Vorlieben und Lebensweisen. Mir wurden dreißig Euro berechnet, um den Glauben offiziell abzulegen und eine Steuer nicht mehr abzutreten, die mit mir nichts zu tun hat. Ich wurde gestempelt in einem Blatt Papier in einem Land, in dem angeblich der Staat nichts zu tun hat mit der Kirche und mit einem Glauben. Ich wurde in ein Land geboren, in dem man deutsch spricht und in dem eine Flut von fremden Einflüssen gefürchtet wird und in dem Menschen kritisiert werden für das Tragen von Kopftüchern und das Anbeten von anderen Göttern und jede Klage, die ich in meinem Leben hatte, war nicht zu messen mit echtem Hunger und echtem Durst. Mit echtem Leid und echter Angst. Ich bin zufällig geboren worden an einem zufälligen Ort aus dem Schoß eines zufälligen Menschen und ich bin zufällig priviligiert.
Ich bin gewöhnt an einen Standard und an Gesetze und Regeln und an eine Ordnung. Doch der Standard war vor mir da. Nicht ich schaffe ihn, sondern er schafft mich und ich habe nicht das Recht, den Standard als meinen zu sehen und Kritik zu üben an Veränderungen der Norm um mich herum. Ich habe dieses Land nicht geschaffen und ich habe diese Sprache nicht entwickelt. Ich darf mich nicht angegriffen fühlen von neuen Worten und Umgangsformen und von einem neuen Miteinander. Zufällig einige Jahre länger zu verharren in einer Norm gibt uns nicht das Recht, die Norm als von uns eingenommen anzusehen. Und auch bewusstes Verharren rechtfertigt das nicht. Wir haben kein Land und keinen Besitz; wir bewohnen und benutzen nur. Ich habe nicht Angst vor Einflüssen aus anderen Kulturen und anderen Sprachen. Ich habe kein Gefühl für Nationalität. Ich hebe nicht meine Arme und schreie für das Tor einer Mannschaft aus dem Land, in dem ich wohne, in einem Spiel, das von Kämpfen zerfressen ist und von Siegeslust. Ich weine nicht, wenn der Stadt, in der ich wohne, die olympischen Winterspiele nicht zugeschrieben werden und nicht noch mehr Geld ausgegeben wird für nichts als ein Ansehen in einer Welt, durchzogen von Grenzen und Neid und Konkurrenz. Meine Nationalität ist nur ein Fetzen Papier und kein Grund für Stolz. Daran ändert auch die Lamination nichts.
Wir sind keine Gesellschaft, wir sind nur eine Horde von 6.956.950.351 Menschen in einer Welt, die uns nicht gehört. Wir sind viele und wir sind nicht greifbar und kein Ausweis kann uns so einzigartig machen, wie wir es gerne wären. Wir leiden an Sehnsucht danach, etwas darzustellen, nach einem Sinn. Danach, jemand zu sein, und sei es nur ein Anhänger von Ideen. Wir bilden Gruppen und Runden und Parteien und Gemeinschaften und grenzen uns ab von den nicht Vertretenen. Auf der Suche nach einer Zugehörigkeit, die wir in uns selbst nicht finden. Nach einer Zugehörigkeit, die wir nur finden können in einer kategorisierenden Definition und durch das Einfügen in Raster oder das bewusste Abgrenzen von Rastern, die bereits existieren. Wir wollen das ultimative Privileg. Das nicht zufällige Privileg, jemand zu sein und also jemand anders nicht zu sein. Und nur, wenn uns die Gier danach in die Einsamkeit treibt, werden wir sehen, wie weit weg all die anderen dann plötzlich sind und wie wenig glücklich uns das Privileg macht und der Stolz und die Definition.

Kommentare:

  1. Ein wirklich sehr schöner, tiefgründiger und vorallem gut gelungener Blog. Vorallem sehr anspruchvolle Texte!

    AntwortenLöschen