16.06.2011

Vertrauensblasen.

Wir wollen unsere Privatsphäre. Wir wollen keine langen Nasen, die in unsere Angelegenheiten schnüffeln und wir wollen unsere sieben Sachen bei uns behalten und nicht öffentlich kundtun und sie nicht projiziert sehen. Aber aktiv wollen wir sein und kreativ und miteinander. Wir wollen uns mitteilen und nicht untergehen und uns darstellen und natürlich: Anerkennung. Wir bloggen also und twittern und posten auf Pinnwände und in Foren unser Wissen und unsere Meinung und schreien dann nach Sicherheit und fühlen uns zutiefst verletzt, wenn Wissen über uns angewandt wird. Es ist als gingen wir auf einen Marktplatz und schrien heraus, was wir dachten und fühlten uns aber angegriffen, nähere sich uns im Anschluss jemand an und greife unsere Worte wieder auf. Wollen wir gelesen und verstanden werden, aber nicht analysiert und nicht kritisiert und nicht, ja, was eigentlich. Wollen wir bestimmen, wer was denken darf über unsere Äußerungen. Eines Individuums Äußerung hat ein Indivduum als Rezipient und beide wollen akzeptiert sein als das was sie sind. Eine Beschneidung der Meinung ist reine Zensur.
Weltweite Netzwerke der Kommunikation, die nichts kosten. Wen schockiert es denn, dass die preisgegebenen Daten gespeichert und an Sponsoren und Gewerbe weitergetragen werden. Ein Telefon, das alles kann. Inklusive exakter Nachempfindung der Aufenthalte des Eigentümers. Wir wollen Geräte, die alles können, wir wollen unsere Anstrengungen und Umstände erleichtert oder genommen sehen. Und wir wollen es zu unseren individuellen Gunsten. Es sei nicht vertretbar, dass Onlinegeschäfte Suchbegriffe speichern und sie auf Kundendaten undoder IPadressen abgleichen und an Werbende weitergeben und dass Firmen bereitgestellte Kundendaten zur Weiterentwicklung ihrer Dienste verwerten. Was soll daran nicht vertretbar sein. Wir nutzen deren Seiten und deren Angebot und jene Geräte und es liegt nicht an ihnen, die von uns dargebotenen Daten nicht für ihre Zwecke zu gebrauchen, sondern an uns, die Daten nicht bereitzustellen. Oder eben selbst Nutzen daraus zu ziehen. Vom Dorfgeschäft zum Internetangebot: Ein Kunde, der sich erkundigt und Wünsche äußert, fördert dadurch das Sortiment des Händlers und damit das verfügbare Angebot. Ein Kunde, der nichts sagt und mürrisch gezielt sucht und es nicht findet und also geht, wird in diesem Laden niemals finden, wonach er suchte.
Wir wollen gemütlich alles sofort haben und nichts dafür geben. Schnell und billig und dabei noch hochwertig und wir kommen dabei nicht ab von dem Gedanken, dass ein Miteinander auf Vertrauen basieren könnte. So ein Unsinn. Wie viel muss der Mensch denn noch verbrechen, damit wir sehen, dass es sich um das Gegenteil handelt. Wie viel Enttäuschung, wie viel Krieg und wie viel Betrug muss noch geschehen, bis die Blase platzt und wir sehen: Vertrauen funktioniert nicht in globaler Weite und unser Wunsch nach Vertrauen mündet in Angst vor Misstrauen. Aber es scheint, wir haben tatsächlich alles Misstrauen verbraucht und es eingetauscht gegen Ungerechtigkeitsempfinden. Vertrauen hingegen kann aber noch leichter missbraucht werden, wenn wir es als gerecht ansehen. Als ein Grundrecht, das es nicht ist. Es ist lediglich ein Entgegenkommen. In unserer Gesellschaft gilt: Reichen wir jedem einzelnen Menschen immer die Hand, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie irgendwann abgehackt wird. Aber ich kritisiere keinesfalls das Handreichen, ich kritisiere nur die Überraschung über die abgehackte Hand. Mit anderen Worten: Verwehrt euch nicht und macht also weiter, aber lebt auch mit den Konsequenzen. Das wäre doch mal etwas, womit man sich gerne als menschlich identifizieren würde.

Kommentare:

  1. Schenke Vertrauen und erwarte keine Gerechtigkeit. Dies ist m.E. die ergiebigste Vertrauens-Sicherheit in einer Zeit der Versicherungs-Manie.

    Die Ampel schaltet auf rot und ich vertraue darauf, dass der LKW hält. Ich schlafe ein und vertraue darauf, dass die Flugzeuge, die meine Wohnung überfliegen, an der dafür vorgesehenen Stelle landen. Ich verabschiede mich von meiner Tochter und hoffe, sie wenige Tage später wieder unversehrt zu sehen. Ohne Vertrauen wären wir lebensunfähig. Wir sind uns häufig gar nicht bewusst, dass wir Vertrauen ausüben.

    Vom Vertrauensschwund ist (immer wieder mal) die Rede. Vielleicht meinen wir aber was ganz anderes, nämlich den von mir gefühlten Mangel an Zuversicht.

    Paradoxerweise raubt uns vielleicht das Vertrauen in das "Alles-ist-möglich-Dogma" einer Multi-Options-Gesellschaft die Fähigkeit für unser Handeln auch die Konsequenzen in Kauf zu nehmen ("Okay, dann eben beim nächsten Mal! Ich muss nur fest genug an MICH glauben, was braucht es da Vertrauen zu ANDEREN.").

    Ich vertraue mal darauf, dass dieses Thema (immer) mehr Menschen interessiert und ein Nach- und Vordenken stattfindet - auch an dieser Stelle.

    Dir, lieber ff., vielen Dank für deine kluge Bestandsaufnahme.

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