30.05.2011

Karaffenland.

John Irvings Hotel New Hampshire auf Flohmärkten und abgepacktes Gemüse in Plastiktüten. Wir wollen unsere Bücher neu und ungelesen und unsere Zeitung sortiert und pünktlich und unser Obst und Gemüse sauber und portioniert. Wir wollen den besten Kaffee und das beste Bier und wir wollen es in rauen Mengen und immer verfügbar. Wir werfen lieber etwas weg als zu wenig zu haben und wir wollen sparen an den lebensnotwendigen Gütern zugunsten von Luxus zur Finanzierung. Wir protestieren gar nicht oder im Stillen und nehmen eigentlich hin und lästern im Kreis von Freunden und Bekannten über angebliche Demokratie. Wir verfolgen Kriege und Armut und Kapitalismus und Seuchen und schütteln den Kopf und betrachten und beurteilen Mädchen mit pubertären Träumen im Fernsehen bei Beschwerden über Modeaccessoirs unmittelbar nach Berichterstattungen aus von Radioaktivität zertrümmerten Gesellschaften. Aber wir verlassen uns auf ein Morgen und kommunizieren in digitalen Floskeln und halbherzigem Protestgeplänker in Portalen, die keiner aufmerksam liest. Gemütlich sind wir und entspannt und wir nehmen Rauchverbote hin und geben flüchtige Kommentare beim Durchlaufen von Gruppen von Kneipengästen auf Gehwegen ab, adressieren aber niemanden. Ein alter Mann steht wild in die Luft fluchend und schreiend an der Straße und hält eine Plastiktüte in der Hand und wir schmunzeln und gehen weiter und sagen vielleicht: verrückt. Wir reagieren nur, wenn uns die Medien Reaktion diktieren. Wir kaufen und essen weiter maßlos das Fleisch und das Obst und das Gemüse und trinken weiter zwei Liter am Tag, bis uns jemand glauben macht, das Wasser in der Karaffe sei nicht so klar wie es scheint.