24.03.2011

Druckerschwärze.

Die Erde tanzt und wir blinzeln mit den Wimpern. Sonnenstrahlen ziehen sich durch den Vorhangstoff und tauchen das Zimmer in Frühling. Wir schalten das Licht an nach dem Aufwachen und sehen auf unsere Telefone, weil sie Wecker sind und Kameras und Notizkalender und Computer. Auf dem Balkon zwitschert ein Vogel oder mehr und auf den Straßen lachen Kinder und schleppen Ränzen auf ihren Rücken durch die Gassen, und Turnbeutel in bunten Farben. Ein Junge stolpert und fängt sich aber, sein Ranzen hängt ihm beinahe in den Kniekehlen. Wasser kocht auf. Eine heiße Dusche mit Duschgel, das nicht an Tieren getestet wurde, und Schampoo, das die Haare schön glänzen lässt. Zwei Zahnpastas: Morgens für das Zahnfleisch, abends für die Zähne, Deodorant im Regal, daneben: Eau de Toilette, Gesichtspflege für jeden Tag in drei Schritten. Frische Kleider anziehen und kochendes Wasser in die Tasse schütten, Teebeutel rein und stehen lassen und nebenbei Geschirr wegräumen von letztem Abend: Übrig gelassenes Essen in zu vollen Tellern, Müllbeutel füllen und zusammenzurren und nicht vergessen auf dem Weg. Tisch leer räumen: Zeitungen und Zeitschriften und Bücher und tragbare Musikspieler und Kopfhörer und ein Feuerzeug, ein Messer, einen Brieföffner, Briefpapier mit Rechnungen; das Internet kostet jeden Monat. Teebeutel in eine Lücke des Müllbeutels, Milch nachgießen und Zucker und setzen. Das Geräusch von Zeitungspapier beim Umschlagen einer Seite übertönt die Vögel vor dem Fenster. Nur die Sonnenstrahlen bleiben allgegenwärtig und schimmern auf der Schranktür gegenüber der Couch. Austrinken und genießen jeden Schluck und Schuhe anziehen beziehungsweise: eine Auswahl treffen. Fenster schließen und von außen die Wohnungstür zusperren.
Die Container im Erdgeschoss sind halb voll. Säcke mit Resten und Müll, mehr oder weniger sauber getrennt nach Papier und Plastik und Glas. Die Tür zu den sieben Containern ist abgeschlossen und fällt von alleine ins Schloss, einmal aufgesperrt. Der Boden auf dem Weg zwischen Haustür und der ehemaligen Garage eines Handwerkers, in der nun Container lagern ist schmutzig und voller Flecken in diverser Tiefe und Form, die allerhand Assoziationen hervorrufen können. In der Garage standen noch vor einem Jahr regelmäßig Taxis oder immer nur das eine gleiche Taxi. Eine dubiose Kleinstwerkstatt, in der zwei Menschen standen und redeten und Kofferräume und Motorhauben öffneten, ohne je daran zu tüfteln. Um die Ecke sitzen Handwerker einer Glaserei auf dem Tisch in ihrer Werkstatt und sehen auf die Straße hinaus. Daneben gehen schnellen Schrittes Oberkörper durch ein Fitnessstudio, manchmal mit einem Besenstil daneben. Vor der Bar stehen einige Menschen mit schmutzigen Jacken und Gesichtern, mit Zigaretten in der Hand und Gläser mit Bier ohne Schaum darauf in der anderen. Frauen lehnen sich an Männer und Männer verlieren leicht das Gleichgewicht. Eine Frau steigt aus der Trambahn aus und läuft mit ihrer kleinen Tochter daran vorbei; die Bar hat nur von vier bis fünf Uhr morgens geschlossen: Sunshine Pub. Gegenüber drei stumme Verkäufer und Bilder von Zerstörung und Verzweiflung und Angst. Eine Bierflasche mit abgerissenem Etikett und einem Rest Flüssigkeit darin steht daneben und schluckt den Sonnenschein.
Der Verkehr stockt und eine junge Frau auf hohen Schuhen tanzt sich mit klimperndem Kleingeld ihr Ticket aus dem Fahrkartenautomat in der bereits angefahrenen Bahn. Der Fahrer klingelt und ein Auto hupt und es geht ein Stück weiter. Der Fahrer hält an und steigt aus und stellt eine Weiche mit einem Metallstab, der in seiner Kabine neben den Instrumenten hängt und mit Öl und Schmutz auf das Plastik abfärbt. Die Gäste halten Kaffeebecher und Bücher und raschelnde Zeitungen und Taschen fest, die sie entweder um die Schulter geworfen haben oder vor sich auf dem Schoß liegen. Es sitzt niemand neben einem anderen. Ein Mann kaut, seine Wange ist ausgestopft. Ein anderer hält sich eine Hand über die Augen, die Sonne scheint in den Wagen herein und Häuser ziehen vorbei, mal schneller mal langsamer begleitet von Klingeln und Hupen und sich öffnenden Türen und auf den harten Boden auftretenden Schuhen. Lebensmittel türmen sich im Supermarkt und der Bäcker verkauft Brezen, frisch aus dem Ofen. Im Nuss-Nougat-Croissant ist das Nougat noch flüssig und warm. Im Flur stehen etliche Kästen mit Coka Cola und Fanta und Mezzo Mix und Bier in bunten Farben und versperren den Weg. Salat leuchtet grün in der Ecke und Gemüse in rot und orange und gelb. Konserven und Fleisch und ein Kühlfach, das unterbewusst Düfte aussendet, die Appetit machen auf Pizza oder Hackbraten. Zahlreiche Sorten Chips und Süßigkeiten zur Auswahl und ein gelangweilter Mann an der Kasse, der Zahlungsbelege von der Rolle reißt, als ziele er auf besonders lässige Haltung ab. Draußen suchen Autofahrer nach Parkplätzen und eine junge Frau zieht einen Rollkoffer hinter sich her in ein Bürogebäude, dessen Eingangstüre piepst, als sie einen Chip in Kreditkartenform unter eine Kamera hält.
Die Glasfassade des Gebäudes gibt Tische preis und Stühle und einen Hof und Bäume außen herum. Im Inneren wird viel getippt und geklickt und mit Fingern über Mäuse gerollt und Bildschirme hin und her gedreht und diskutiert. In großen Kaffeekannen wird im Dutzend billiger eingekaufter Gastronomiekaffee gekocht und mit einem Piepsen durch den Flur angekündig. Menschen lächeln und grüßen und fassen sich an die Stirn und konzentrieren sich. Es schließen und öffnen sich Türen und Toilettenspülungen schleudern Wasser durch Rohre und Leitungen. Wagen mit Paketen und Kisten darauf mit Briefen darin werden durch die Gänge geschoben und in Postfächer ausgeleert und verteilt und zugeordnet. Termine werden koordiniert und absolviert und zu Mittag scheint die Sonne auf das Essen und das Glas mit dem frisch gepressten Saft darin. Und Weiterarbeiten und die Stunden durchstehen und die Tage vollenden und die Aufgaben. Die Computer übertragen live Berichte über alles und jeden: Blogs und Sendungen und Neuigkeiten. Kriege und Katastrophen und Politik und Handlungsweisen, die für jeden Menschen sprechen. Für den Angestellten und den Arbeitgeber. Für den Obdachlosen auf der Straße, eingewickelt in Decken, und für Trambahnführer, der das Dixiklo verwendet, wenn er eine Endstation erreicht hat, vor dem Umdrehen. Zugehörigkeit und Nationalität und Demokratie. Freie Wahlen ohne Beteiligung in Gegenden, in denen Leute einfach einem Tagwerk nachgehen und ihr Gemüse und ihr Bort und ihr Fleisch und ihre Zeitung in ein und dem selben Laden kaufen und ihr Leben dem Moment widmen. Menschen liegen im Krankenhaus, die einen ganz plötzlich, die anderen mit jahrelanger Vorbereitung. Ein Wasserschaden in einer Wohnung und Ausweichmöglichkeiten bei Freunden, während Maschinen die Wände trocknen und Radioaktivität durch die Luft sickert, unsichtbar.
Ein Bankangestellter telefoniert mit Kunden und will Sparmaßnahmen besprechen und Altersvorsorge. Den Kontostand überprüfen und bereit sein für die Zukunft. Häuser werden weggespült und eine Mutter mit Mundschutz zieht einen orangefarbenen Teddybär aus den durchgeweichten Brettern am Boden: Orange wie das Obst im Supermarkt um die Ecke. Excellisten werden mit Berechnungsgrundlagen gefüttert und mit Pivottabellen und können mit aller Kraft keine Aussagen treffen über Bebenstärke und Kühlsystemstabilitäten und angebrachtes Verhalten. Zeitungen rattern durch Tiefdruckmaschinen groß wie Häuser und werden geschnürt und ausgeliefert und angepriesen und die Druckerschwärze an Daumen und Zeigefinger ist so abwaschbar wie der Kaffeefleck auf dem Schreibtisch oder der vorliegenden E-Mail: einfach noch mal ausdrucken. Wir wachen auf jeden Tag und bezahlen dafür. Ein Mann schnippt seinen Zigarettenfilter auf die Straße und eine sitzende Frau ist ein Snickers und zieht die Verpackung entzwei und lässt sie fallen in der Ubahn und die Bierflaschen auf dem Boden werden täglich entsorgt und wiederverwertet. Bis einmal keiner mehr da ist, alles aufzuheben.

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