01.02.2011

Sammellinse: Populismus.

Alltägliche Wahrnehmungen, hervorgerufen durch eigenartige Abhandlung von ausgewählten und zufälligen Worten. Eine Kolumne zu Ungunsten der Definition.
 

Selbstzweifel kommen immer. Immer wieder und auch in den unmöglichsten Situationen. Zum Beispiel in Gesprächen mit Menschen oder Freunden oder Fremden. Zweifel an der Richtigkeit undoder Wichtigkeit des von uns Gegebenen. Zweifel am gegenseitigen Verständnis und Vertrauen und daran, wie viel man sagt und wie viel man nicht sagt und wie viel man preisgibt. Wir kontrollieren also. Kontrollieren uns und hemmen uns und kontrollieren das Gespräch oder den Gesprächsverlauf oder versuchen das zumindest.
Wir zweifeln an unseren Fähigkeiten und an unseren Möglichkeiten und unseren Aufenthalten. Zweifeln an Arbeit und Freizeit und an Schaffensprozessen. Schreiben und Löschen und Malen und Übermalen und Aufnehmen und Überspielen. Reden und Bereuen beziehungsweise Widersprechen und Erklären und Verhaspeln. Wir wollen gefallen oder ganz bewusst nicht gefallen. Beides bedarf aber Vorgehensweisen und Risiken und die Frage: Ist man erfolgreich. Aber was hat Erfolg mit uns zu tun. Erfolg im Persönlichen. Also: Erfolg im Bezug auf Eigenregie oder Kontrolle. Ist es erfolgreich, ein Gespräch zu lenken und einen Eindruck zu vermitteln, den man vorhatte, zu vermitteln oder ist es erfolgreich, man selbst zu sein, ohne darauf zu achten, welchen Eindruck man im Endeffekt vermittelt und sich also einfach keine Gedanken zu machen über Kontrolle oder Kontrollverlust oder Meinungsbildung, die sich (versucht man sie bewusst bei anderen zu beeinflussen) ohnehin als nicht kontrollierbar herausstellt.

Ich denke: Welche Meinung die anderen von uns haben, können wir nur bedingt beeinflussen und also nur bedingt kontrollieren. Vermutlich ist es sogar weitaus häufiger, dass diese Meinung nicht übereinstimmt mit dem, was man selbst sieht, denkt man an sich runter. Weil jedes Verhalten nun mal nicht nur als Verhalten da ist, sondern auch aufgenommen wird und werden muss. Was wir für andere sind, sind wir also erst wirklich, wenn diese anderen uns sehen und hören und wahrnehmen. Und dennoch scheint es uns so wichtig. Nicht zuletzt durch gesellschaftliche Werte und Wahne (Schönheit und Stärke und Erfolg und was nicht alles) wollen wir vielleicht nicht unbedingt ausstrahlen oder nur strahlen, haben aber oft das Gefühl, es zu müssen, um mitzuhalten und genügen uns unter Umständen selbst nicht mehr und dann auch keinem anderen mehr. Was der andere aber dazu denkt, können wir doch gar nicht klar sehen. Nur ein verschwommenes Bild dessen, vermischt wiederum mit unserer eigenen Reflexion. Wir reflektieren genau wie alle anderen um uns. Wir können zwar versuchen, jeden so zu nehmen und so zu verstehen, wie er ist, haben aber keinen Garant dafür, dass das mit dem Selbstbild desjenigen einhergeht. (Selbst wenn der oder diejenige ganz er oder sie selbst ist.)
Es wäre natürlich wundervoll, sähen wir uns alle gegenseitig so, wie wir sind. Ich halte es aber fast für unrealistisch. Hinzu kommen ja auch Geheimnisse: Nichtausgesprochenes, Spannendseinwollen, Verschleierungen und bewusste Verwirrungen. Wir spielen doch auch gerne, wollen Interesse wecken und nicht alle Karten offen auf den Tisch legen. Wir verlieben uns ja auch und wollen Gegenseitigkeiten. Wollen nicht auf Sockel gestellt werden, aber auch nicht von Sockeln aus betrachtet werden. Ich habe manchmal aber das Gefühl: Sich auf Augenhöhe zu begegnen wird zur größeren Herausforderung als Erfolg zu heucheln oder netter: auszustrahlen.

Mir wurde einmal gesagt: Man kann sich nur auf einer Augenhöhe begegnen. Auf einer Augenhöhe muss man nicht gefallen, sondern tut es einfach oder nicht. Keiner fällt irgendwo runter oder läuft wogegen. Nur dann kann man sich gegenseitig über die Füße stolpern oder anrempeln oder in den Arm nehmen oder and der Hand halten oder muss nicht schreien beim Miteinandersprechen und kann auch mal flüstern.

Kommentare:

  1. Wie oft sich diese Überlegungen schon in mir gedreht haben. Ich sein oder an dem Ich arbeiten, dass man am meisten mögen könnte. Und bin ich selbst nicht die beste Version meiner selbst, wenn ich das bin, was am meisten gemocht wird? Aber du hast wohl recht... Wir haben keine Ahnung, wie uns die anderen wirklich sehen. Und das ist furchtbar. Aber auch der einzige Weg, um die zu finden, die wir gesucht haben.

    Danke für diesen hinreißenden Text.

    AntwortenLöschen
  2. liebe fee,

    danke für deine worte.

    ich glaube: wir sind nie eine gute oder schlechte und also auch nie die beste version unserer selbst. wir sind nur wir selbst und damit gar keine version. und: wertungen haben ja wieder mit vergleichen zu tun, oder? und geht man davon aus, die beste version zu sein, wenn andere einen mögen, handelt man am ende vielleicht nicht nach eigenem empfinden und ermessen, sondern nach den potentiellen vorstellungen unserer gegenüber.

    AntwortenLöschen