03.02.2011

17 October 2008

Lesezeichen.
Ich druecke eine kleine Traene weg. Nein. Das ist eine Luege. Denn du weisst ja: Luegen kann ich besser als weinen. Also mache ich eine Kombination daraus. Ich luege ueber das Weinen. Und wuerde eigentlich irgendwann viel lieber ueber das Luegen weinen. Lesezeichen. Was fuer ein Wort. Es steckt da in dem Buch auf dem Tisch auf dem zweiten Stock, neben mir. Ich moechte die Hand darauf legen und die Oberflaeche mit den Fingerspitzen fuehlen. Als wuerde das etwas aendern. Es lebt nicht. Gar nichts daran. Die Sprache lebt nur durch den Leser. Und den Schreiber. Aber der ist schon wieder woanders. Ich aber bin da. Hier. Mit den Finger ueber die Seiten fahrend, wuensched, die Saetze und Worte wuerden sich erheben und sich neben mir aufstellen wie ein Baukasten. Da drueben stehen Waende und Menschen lehnen daran und haben einen Fuss nach hinten geknickt, mit der Schuhsohle an der Wand. In ihren Haenden: Kaffeebecher. Weil keiner mehr Tassen benutzt. Nur irgendjemand sitzt dazwischen und schluerft von einem Tassenrand, umarmt die Tasse mit den Haenden.
Wir bauen Strassen und Wege und Haeuser und Busse und Autos und Schuhe und Kleider, die man dann in Laeden kaufen kann, die aussehen, als sei alles alt. Als habe alles schon mal jemand anders angehabt und zurueckgegeben. Ich halte inne. Sehe meinen Schreibtisch entlang. Papier ueberall. Stapelweise. Nicht wissend, wohin. Kleine Post-its. Anglizismen, ein Kaffee, kalt, eine Muetze, die dahinten liegt, mein Bauch beruehrt die Tischkante. Hunger. Ich hoere mal kurz in mich hinein: Leer. Ich gehe hoeher. Taste mich hinauf und lausche den leisen Schlagen unter meiner Brust. Nur Haut und ein duenner Brustkorb. Mehr ist da nicht. Ein ein dumpfes Pochen.

Ich stehe auf. Rolle mit dem Stuhl nach hinten und erhebe mich. Drehe mich nach links und laufe ein Stueck. Zum Kaffee. Eine Dose mit Salz. Sehr gefaehrlicher Platz. Da sollte Zucker hin. Ich gehe weiter. Bueros ueberall. Alle leer. Ich habe Kopfschmerzen und drehe die Runde schneller, um die weissen Sofas zu erreichen. Ich setze mich. Atme. Lege mich. Beine hoch. Die Wirbelsaeule verdraengt fuer einen kurzen Moment die Kopfschmerzen. Ich lasse einen Schmerz zu. Er brennt unter und auf meinen Fingern. Weil sie fuehlen wollen. Nur kurz mal fuehlen.
Da ist er wieder: Der Kloss. Ich rufe meine Mutter an und frage, ob sie mir einen Schweinebraten und Sosse kocht. Den Kloss bringe ich dann mit und schneide ihn mit einem scharfen Messer auf. Darin: Keine Semmelstueckchen. Nur Fetzen von uebriggebliebenen Gefuehlsbrocken. Sie schmecken wie Tofu: Nach nichts. Ich esse auf, weil ich morgen keinen Regen will. Meine Schuhe haben kaum noch Sohle. Dann gehe ich nach draussen und teste, wie tief ich in dem Teich versinke. Und ob ich einfach so ertrinken kann. Das Wasser reicht mir bis zum Auge. Und als ich rauskomme, triefe ich am ganzen Koerper. Nur ab den Wimpern ist alles trocken. Ich gehe ins Badezimmer, ziehe mich aus und trockne mich ab. Am Wasserhahn druecke ich meine beiden Zeigefinger unter den Hahn undreibe ein wenig Wasser aus den Leitungen. Kleine Wasserblasen auf der Haut. Die Falten fuellen sich allmaehlich und ich reibe mir die Augen, bis es ein bisschen schmerzt mit den Zeigefingern.

Dann oeffne ich sie. Die Augen. Ich sitze am Schreibtisch, starre auf den Bildschirm und geniesse das Gefuehl des Wassers, das ueber meinen Wangenknochen laeuft.

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