22.12.2011

Zerträumt.

Als ich aufstand, war nichts mehr da. Ich habe alles leergeträumt: Die Regale und die Schränke und die Straßen und die Wohnungen. Mitten in der Nacht habe ich den Kühlschrank ausgeträumt und meinen Wohnzimmertisch freigeträumt und alle persönlichen Wertgegenstände habe ich penibel aufgeträumt und weggeträumt und stehe jetzt in der Leere und starre in sie hinein und breite die Arme aus und berühre nichts. Die Wände sind weg und die Nachbarn sind weg und die Familie und die Freunde und die Zeitrechnung und die Feiertage. Die Heimat ist verschwunden und der Wohnort, der Sehnsuchtsort und der Rückzugsort. Alles habe ich zerrissen in winzige Schnipsel und also in das einzige, was noch übrig ist: in Schnee, der auf den Boden fällt und auf die leeren Regale und Schränke und Straßen und in die leeren Wohnungen ohne Wände und ohne Dächer und ohne Nachbarn darin. Ich habe alles zu Schnee zerträumt und stapfe knirschend durch das, was übrig ist von allem, was war, und sammle alles, was übrig ist von dem, was war, ein auf meinem Kopf und in meinen Haaren und auf meiner Haut und lasse mich also bedecken von den Fetzen und atme sie ein. Ich esse sie auf und ich trinke sie, sobald sie schmelzen im Mund und ich lasse sie zergehen an mir und in mir und war meiner Umgebung und meiner Welt nie bewusster als in dem Moment, in dem ich sie zersetzt und verträumt, in dem ich sie zerträumt habe.

18.12.2011

Erwartungsenthaltung.

Wir erwarten alles Mögliche von allen Möglichen und allem Möglichen. Wir bauen auf Erwartungen und merken erst, auf welch schwammigem oder büchigem Fundament wir uns eingerichtet haben, wenn das Fundament bröckelt und in sich zusammenstürzt oder wenn es wegschwemmt oder einsinkt oder wenn es weggerissen wird von etwas, auf das wir keinen Einfluss haben. Auf Erwartungen aber haben wir Einfluss: Wir schüren sie und wenden sie an. Wir lassen sie entstehen basierend auf Wünschen und auf Ereignissen und auf Wiederholungen und auf dem, was wir kennengelernt haben. Aber Erwartungen sind zwar in uns, jedoch immer gerichtet auf etwas oder jemanden und also abhängig. Erwartungen sind keine Vorhaben und keine Pläne und keine Vorsätze und keine Optionen. Sie sind Ansprüche, die wir stellen und die wir selbst nicht zu erfüllen in der Lage sind. Sie sind Abhängigkeiten davon, dass etwas so geschieht, wie wir es uns ausmalen oder ausmalten oder dass jemand so handelt oder so reagiert wie wir es uns vorher ausdenken oder ausdachten.
Es ist zu erwarten, dass jeden Tag die Sonne aufgeht und dass jeden Tag die Sonne untergeht. Es ist zu erwarten, dass der Hunger kommt und der Durst und dass uns der Schlaf irgendwann einholt. Es ist zu erwarten, dass wir alt werden oder dass das Leben irgendwann zuende geht, egal wie, und dass auf dem Weg dorthin das Leben anderer zuende geht und wir es miterleben müssen und verarbeiten müssen und es ist zu erwarten, dass wir Leid erleben und aber auch Glück und Freude und Erfolg und dass wir schwanken und Variationen durchleben. Es ist zu erwarten, dass wir Menschen treffen, die uns begeistern und Menschen, die uns belästigen und Menschen, die wir begeistern und Menschen, die wir belästigen. Zu erwarten ist viel in unseren Leben und wahrscheinlich fangen wir aufgrund dieser sehr wahrscheinlich entretenden Geschehnisse an, auch auf andere Ereignisse zu zählen: Wir bereiten uns vor und wir werden vorbereitet unser Leben lang von Erziehung oder von Beobachtung oder von Erfahrung am eigenen Leib. Doch gibt es einen Unterschied zwischen zu erwartenden Geschehnissen wie Tag und Nacht oder der Wahrscheinlichkeit des sich ändernden Wetters und tatsächlichen Erwartungen, die wir haben oder stellen oder auf die wir bauen.
Zu erwartenden Ereignisse und Geschehnisse stehen meist in Abhängigkeit zu unserem Umfeld. Erwartungen hingegen in Abhängigkeit zu unseren Mitmenschen und also zu Individuen und zu sich variierenden und genau wie die eigenen sich ebenfalls entwickelnden Meinungen und Handlungen und Wünschen und wiederum Erwartungen. Man kann nicht bauen auf Steinen, die in Bewegung sind, die ständig weitergehen und weiterwollen und nicht stillstehen können und das auch nicht sollen. Wir verwechseln Hoffnungen mit Erwartungen und tun es dann, wenn Hoffnungen so oft erfüllt worden sind, dass sie beginnen, zu Selbstverständlichkeiten zu werden. Wenn Hoffnungen nicht mehr gerechtfertigt sind, weil wir nicht mehr hoffen auf etwas, das bereits eingetreten ist: Stattdessen gewöhnen wir uns daran und aus Gewohnheit wird nichts anderes als das Wiederkehren von Tag und Nacht und von Hunger und Durst und von Wachen und Schlafen: Es ist zu erwarten.
Aber wir gehen wir um mit dem Tag, an dem es nicht mehr hell wird und wie gehen wir um mit der Nacht, in der wir nicht mehr schlafen können und mit dem Jahr, in dem es keine Jahreszeiten mehr gibt und mit dem Gefühl, nichts mehr essen zu können und nichts mehr trinken zu können oder kein Essen mehr zu haben oder kein Trinken mehr zu haben. Wie gehen wir um mit sich auflösenden zu erwartenden Selbstverständlichkeiten und wie gehen wir also um mit sich nicht erfüllenden Erwartungen und mit wegbrechenden Fundamenten, auf die wir zu bauen uns so sicher gefühlt haben. Erwartungen werden zu Besitztümern: Zu Teilen unserer Identität und zu Dingen, die uns charakterisieren und jeden Tag im Verhalten beeinflussen. In Ausdrucksweise und in Aufenthaltsweise und in Arten und Weisen der Aktionen und Reaktionen. Sie werden zu etwas, das wir herumtragen mit uns und an das wir uns gewöhnen wie wir uns an alles gewöhnen und die wir zu vergessen in der Lage sind, wie wir alles zu vergesen in der Lage sind, wenn es uns lange genug begleitet. Erwartungen starren uns erst dann wieder unverhüllt an, wenn sie nicht erfüllt werden und erst dann merken wir, dass wir sie gestellt haben und wie abhängig wir sind und wie alles Fundament wegbricht, weil wir aufgehört haben, zu hoffen und stattdessen angefangen haben, zu rechnen mit etwas oder mit jemandem. Aber dann ist es zu spät, nicht enttäuscht zu sein. Dann ist es zu spät, sich der Erwartungshaltung zu enthalten.

16.12.2011

Klauberei.

Worte sind nur Buchstaben und die sind nur Objekte, denen wir uns bedienen, die wir essen oder runterschlucken oder in die Luft werfen und zerschlagen und zertreten. Sie sind nur Gegenstände, die in Gebrauch sind, weil wir nichts komfortableres haben, uns auszudrücken. Sie sind Allgemeingut aus Tüten und kein Wort gehört jemandem und jedes Wort gehört also auch jedem anderen.

04.12.2011

supposing.



everything the way it's supposed to be.
a huge thank you to andrew and james.

10.11.2011

Wüten.

Wohin also mit dem ganzen Gefühlskram und dem ganzen Gedankenkram, frage ich Herrn Ravioli, der wie gewohnt in der Ecke auf einem Stuhl sitzt (gängiges Verhalten eingebildeter und aber nicht mehr erforderlicher und ignorierter Persönlichkeiten) und nichts sagt, jedoch einmal kurz herüber sieht und mir mit einem Lächeln und einem Winken doch zumindest andeutet oder mich nur anspornt, mir einzubilden er höre mir weiter zu, um dann wieder in sein Selbsthilfebuch zu blicken und eine Seite umzublättern. Es heißt ja: Verarbeiten, sage ich weiter und: Aber was bedeutet das denn, bedeutet es Kauen und Schlucken und Verdauen und sich davon ernähren oder bedeutet es, die Materialien zusammen zu sammeln und zusammen zu kleben undoder nageln undoder klopfen und einen Stuhl daraus zu bauen zum Daraufsitzen beim nächsten Mittag oder Abendessen (Frühstück wird gewohnheitsbedingt ausgelassen) oder eben einen Tisch oder einen Schrank zum Aufbewahren der abgetragenen Klamotten, die an den Ärmeln sich bereits aufzulösen beginnen, oder ein Bett zum Drinliegen und zum Weiterdenken und womöglich zum Aufkommen neuer Eindrücke, die dann wieder verbastelt werden können in (sagen wir:) ein Bücherregal. Oder verarbeite ich etwas, indem ich es aufteile und überall hinverfrachte, wo ich noch Platz finde: In die Hosentaschen und die Jackentaschen und die Beutel und es immer mit mir herumtrage, in der Hoffnung (oder anfangs vielleicht noch Befürchtung), es sukzessive zu verlieren in den Straßen und es nicht merken und es dann einfach liegenlassen und weitergehen und in mir und in meiner Brust und in meinem Kopf nach dem Freiraum suchen und nach der abgefallenen Last, die jetzt auf der Straße liegt oder liegen muss irgendwo, weil sie nicht mehr in den Taschen steckt offensichtlich. Aber was ist, wenn jemand darüber stolpert oder ein neugieriges Kind alles aufhebt und in den Mund steckt und meinen Gefühlskram und meinen Gedankenkram aus Versehen verschluckt und sich am Ende verschluckt daran und es nicht mehr ausspucken kann. Was, wenn ein Radfahrer dagegenrauscht und darüberstürzt und sich den Kopf aufschlägt, weil er keinen Helm trägt und weil er nicht rechnet damit, gegen anderer Menschen Kram zu fahren mitten auf der Straße. Vielleicht muss man besser aufpassen auf seinen Gefühlskram und auf seinen Gedankenkram und ihn einschließen in eine Kiste zuhause und unters Bett schieben oder auf den Schrank oder wenn man so etwas hat: ins Kellerabteil beziehungsweise auf den Dachboden und einfach abwarten. Weil Staub irgendwann alles bedeckt, sogar uns selbst, wenn wir lang genug schlafen und uns nicht bewegen. Nur was wütet, sage ich zu Herrn Ravioli und sehe ihn für einen Augenblick an dabei statt nur auf den Holzboden vor mich und sehe das Selbsthilfebuch zugeschlagen auf dem Stuhl liegen und ihn Dehnübungen veranstalten auf dem Boden nebem dem Stuhl in der Ecke, entzieht sich dem Staub und was wütet, lebt und bewegt sich und ist auf jeden Fall unruhig und unstet und sowieso nicht greifbar, wie die Seele oder Gedankenstränge oder Gedankenstrenge (weil: auferlegt und diktierend) und nun könnte man meinen: die sind ja auch umhüllt von uns und von Haut und Gewebe und deshalb also keinem Staub ausgesetzt und sind unter Umständen (Ansichtssache) ohnehin weder sichtbar noch existent (im Sinne von: anfassbar) und deshalb also gar nicht relevant in der Frage des Staubbefalls. Aber: nur weil nicht sichtbar und weil nicht putzbar, sind Sachen dennoch vorhanden und Staub findet irgendwie auch immer trotzdem seinen Weg und ich fürchte, der ganze Gefühlskram und der ganze Gedankenkram strömt nur aus uns heraus und in uns herum und begründet also seine Existenz und seine Daseinsberechtigung (raison d'être ist ja auch kein schöner Begriff in einem deutschsprachigem Textfluss) auf diesen nicht anfassbaren Dingen unter unserer Haut. Wie ja sowieso alles, das uns ausmacht, sage ich weiter und stelle fest, dass Herr Ravioli nicht mehr anwesend ist und vielleicht entweder das Badezimmer aufgesucht hat oder aus anderen Gründen unbemerkt den Raum verlassen hat (auch dies nicht unüblich für eingebildete und aber nicht mehr erforderliche und mehr oder weniger ignorierte Persönlichkeiten), worauf das jetzt am Boden liegende beziehungsweise auf den Boden gefallene Buch hinweisen würde, aus uns kommt und nicht auf uns zu oder wenn doch auf uns zu dann doch eher sofort in uns hinein und deshalb nie lange nur um uns herum. Wie alles innen ist und außen nur eine Reflexion dessen oder ein Eindruck dessen und vielleicht aus diesem Grund eben auch der Gefühlskram und der Gedankenkram da bleiben sollte, wo er entstanden ist und da verarbeitet werden sollte, wo er nur wirklich existiert: In uns, nicht um uns. Verarbeiten als Verinnerlichung in sich und als Übergang vom Blut und Fleisch ins Fleisch und Blut und in die Seele (wenn man sie erwischt) und sogesehen eine Art der Reifung und Ausbreitung von Dingen und eine Bepflanzung der staubigen Wüste in unseren Körpern mit Gekautem und Geschlucktem und Verdautem und also mit nichts anderem als Dünger.

09.11.2011

Gerippeschutzimpfung.

Bitte lächeln auf den Bildern und in die Kameras. Wir werden gefilmt und photographiert und wollen doch nett aussehen und erfreut und wollen doch so aussehen, nicht wie wir sind undoder waren, sondern wie wir gerne an uns erinnert werden. Momente verändern und festhalten. Schönheiten forcieren und alle fallen sich in die Arme auf den Bildern und prosten sich zu und lachen sich an und grinsen oder schneiden Grimassen oder brüllen für die Linse. Menschen auf Straßen winken in Kameras und bleiben stehen und starren hinein und verhalten sich in vielerlei Weise, nur nicht natürlich. Weil wir immer sein wollen, ein Eindruck oder eine Erinnerung oder Erwartung. Und wir können ja auch gar nicht mehr einfach sein, weil das einfache Sein an sich uns nicht sein lässt und uns ständig in die Quere kommt. Weil wir auf uns achten müssen und aufpassen und immer die Kontrolle wahren. Contenance und Disziplin und angemessene Aktion und akurate Reaktion. Passende Kleidung und passende Empathie sowie unbedingte Pflege und Weiterbildung des Allgemeinwissens und Wissens im Allgemeinen. Jeden Tag waschen und Acht geben auf die Zähne und am besten mit Zahnseide und mehreren Spülungen. Aufstehen und sauber machen und raus gehen und arbeiten und zufrieden sein oder wenn nicht: Hilfe aufsuchen. Genug und nur bedachte Ernährung und achten auf den Blutzucker und regelmäßige Routinekontrollen und immer vorbeugen.
Zustand in Papierform und auf Plastik: Wir brauchen nur noch Impfpass und Gesundheitskarte und vielleicht Kreditkarte und Bahnkarte und Videothekenmitgliedskärtchen und biometrischen Ausweis undoder Reisepass. Und den Schlüssel nicht vergessen und das Telephon inklusive Zugriff auf Bankkonten und Postfächer und Wetterdienste und irgendwann vielleicht haben wir insgesamt nur noch ein Telephon oder eine Karte, die alles kann und alles preisgibt und beim Kauf von Zigaretten an Automaten auf aktuell notwendige Impfungen hinweist und auf Unter undoder Übergewicht und auf Zinssätze und Angebote der Bahn und die neuesten Filme und uns erinnert, wann wir geboren wurden und in welchem Land, und das Geld für die Zigaretten dann direkt abbucht von dem Konto der Bank gegenüber auf der anderen Straßenseite. Nur zur Haustür werden wir noch alleine gehen müssen und aufsperren und hineingehen.
Wir beachten Idealwerte oder nähern uns ihnen an und sollen nicht auffallen. Wir impfen uns gegen alles, was sich vor der Türe befindet und gegen alles, was sich in uns befindet und gegen alles, was von außen kommen kann und nennen es Prophylaxe und werden behutsamer und schmerzempfindlicher und empfindlicher in allen anderen Lebensbereichen und operieren schnell, wenn alle Vorsorge nichts half. Wir sind zu krank oder zu dick oder zu dürr oder zu dumm oder wir fragen zu viel und am Ende nehmen wir einfach das Rezept und nehmen es und nehmen es hin. Es gibt etwas für jeden und für alles oder gegen alles und vielleicht gibt es irgendwann einen Impfstoff gegen Fettleibigkeit oder gegen Untergewicht und gegen zu dünne Haut und gegen Falten und vielleicht gibt es irgendwann einen Impfstoff gegen Frustration oder Hunger oder Nachdenklichkeit. Vielleicht gibt es irgendwann einen Impfstoff gegen uns selbst, gegen unser eigenes Gerippe und unsere eigenen Gedanken und gegen unseren Widerstand. An die Fälligkeit wird uns der Automat erinnern, beim Kauf von Zigaretten oder beim Geldabheben oder beim Einchecken am Flughafen und vielleicht lässt uns das Telephon oder die Karte nach einigen Hinweisen nicht mehr bezahlen oder Filme ausleihen oder reisen, wird der Impfung zu lange nicht nachgegangen.

01.11.2011

Westennest.

Ich kaufe mir eine neue Weste und trage sie wider besseren Wissens ohne sie zu waschen vorher. Wenn ich lange genug warte und nichts unternehme, verwächst sie vielleicht mit mir und mit meiner Jeans und mit meiner ganzen Haut. Ich nehme am Abend meinen Staubfänger ab und schüttle ihn aus in einen Beutel und lege ihn neben mich und sehe nichts mehr. Im verschwommenen Raum schlafe ich nicht mehr im Bett, sondern in dem schwarzen Loch auf dem weißen Poster daneben. Ich krieche hinein und zurre meinen Schlafsack zu um mich herum und lausche den Geräuschen, die eine Wand von sich gibt, und bin eingehüllt in an mich wachsende Klamotten und einen Schlafsack und ziehe mir neue Schichten über gegen das Wetter und die Eindrücke jeden Tages. Der Beutel hängt an meiner Tür und ist der einzige Anhaltspunkt an das, was außen passiert. Schicht für Schicht wende ich mich ab und lasse nur noch das Gesicht frei und zugänglich und halte den Staubfänger fest im Wind und im Wetter und sammle alles ein: Regen, Lärm, Gespräche, Optionen, Lachen und Weinen und Liebe und Freude und Hass und Zorn. Der Staubfänger sammelt Emotionen für mich und Geschehnisse und der Beutel an der Tür beult sich aus am Abend, bis irgendwann genau wie meine Weste der Beutel sich anpasst an das, was sich darin befindet und verschmilzt und eins wird mit dem Inhalt und ich den Reißverschluss nicht mehr ausziehen kann, weil er mich auszieht, und die Weste verwachsen ist mit meiner Haut in dem schwarzen Loch auf dem weißen Poster. Ich habe einen Reißverschluss auf der Brust und einen Beutel an der Tür, der sich windet gegen das Festhalten und dessen Inhalt sich streubt gegen das Festgehaltenwerden. Manchmal klatscht er kurz gegen die Tür und es klingt, als klopfe es von außen mitten in der Nacht. Aber in der Wand in einem Schlafsack in eine Weste gewachsen kann jedes Geräusch klingen wie ein anderes.

31.10.2011

Gelduntergang.

Wir rennen schnurstracks in alle Richtungen. Und verlieren dabei Ziele und Pläne und Vorhaben, Menschen und Geschichten und Erinnerungen: Alles fällt uns aus der Tasche während wir hektisch umher rennen, weil unsere Schnur Haken schlägt und überall hinführt. Wir haben keine Zeit und kein Gefühl mehr in den Zehen. Keine Zeit für Rast und Gedanken und keine Zeit für Liebe und Essen und Trinken und wir vergessen uns selbst auf der Suche nach etwas. Zeit nur noch für Sehnsucht und für die Jagd. Wir sind nur noch Verlangen und Körperteile, die uns umgeben und zappeln bei jedem Schritt und wir sind nur noch bei uns, wenn wir Zeit haben, in den Spiegel zu sehen, um uns die Zähne zu putzen. Die Haut ein uns einkleidendes Etwas und die Hand ein in der Bewegung verwaschenes Ding und das Gesicht ein anderes im Spiegel mit Augen und Nase und Mund und Sachen, die wir nicht sehen, wenn wir rennen und versuchen, unsere sieben Sachen zusammen zu halten, und vor lauter Schal und Handschuhen und Kopfhörern und Büchern und Stiften und Zauberwürfeln weder Wald noch Baum noch Straßenschilder sehen und den Überblick verlieren über Habseligkeiten und Angehörige. Wir orientieren uns an Flüchtigkeiten und Fluchtgedanken: Wichtig ist, die Schnur festzuhalten, nicht der bisherige Weg. Wichtig sind die Möglichkeiten.
Weil es möglich ist, haben wir fast alles: Häuser und Wohnungen und Familien und Arbeit und Studienplätze und Freunde und Geliebte und Bekannte und Freizeitgestaltung. Und weil es möglich ist, haben wir manchmal Hunger und Durst und fordern beides heraus, weil wir die Zeit anders nutzen und anders verbringen. Weil wir die Möglichkeit haben, noch nicht zu essen und noch nicht zu trinken und noch nicht anzurufen oder zu Besuch zu kommen. Luxus des Aufschubs. Weil wir können, arbeiten wir wochentags und an Sonntagen nicht und stopfen von den Verdiensten unsere Kühlschränke voll und unsere Kleiderschränke und essen vielleicht nur die Hälfte und tragen vielleicht nur ein Viertel. Weil wir die Möglichkeit haben, nutzen wir sie. Die Möglichkeit, ja zu sagen und nein oder wegzulaufen und hinzugehen und in Verhältnissen zu leben und darüber hinaus.
Bedrängt und überfordert von Optionen drehen wir uns im Kreis und ziehen die Schnur um unsere Beine und Hüften und wissen: Der Weg zurück erzeugt Schwindel. Aber wie lange wir noch weitergehen können, bevor die Fluchtschnur zur Schlinge wird, für diesen Gedanken haben wir keine Zeit. Wir laufen, bis wir fallen und wenn wir fallen, stehen wir auf und können wir nicht mehr aufstehen irgendwann, feiern wir den Untergang und haben eine gute Geschichte zu erzählen, sollten wir gerettet werden.

08.10.2011

Lights.


Handmade cardboard box including three compact discs:

  I: D65
 II: F11
III: F2

Compiled by The Cowboy Killer in the very beginning of autumn 2011.
Cover photography by Cait Fahey, used with all due respect.

19.09.2011

Selbst verstehen.

Konversationen auf Fahrrädern haben eine ganz eigene Qualität. Ein Mann fortgeschrittenen Alters fragt seine weibliche Begleitung fortgeschrittenen Alters durch den Regen und durch den Fahrtwind: Hast du Geld dabei. Die Reaktion: Na. Er: Ja oder nein. Woraufhin sie die Stimme erhebt und laut Nein durch den Abstand ruft. Der Ton suggeriert die Eindeutigkeit des vorangegangenen Nas als ein Nein und nicht als ein Ja, trotz Abstand und Wind und Regen und Undeutlichkeit. Die Selbstvertsändlichkeit des Verständnisses.
Wir bauen auf Verständnis und wir erwarten es und wir bringen es entgegen, wenn tausende Menschen durch die Stadt tummeln und sich in Ubahnen quetschen mit Biergläsern in der Hand und Augenringen im Gesicht. Eine Gruppe Minderjähriger sitzt auf den unbequemen Gitterbänken und teilt sich eine Flasche Sekt oder Wein oder sonstwas und trinkt dabei weniger als zu saufen. Die Flasche wird geleert wie Wasser nach tagelanger Durststrecke und ich blicke fasziniert auf den schluckenden Hals des jungen Mädchens und das Nichtabsetzen. Ein Mann sitzt alleine an einer entlegeneren Haltestelle auf der unbequemen Gitterbank und lässt den Kopf hängen und starrt nach unten oder schließt die Augen. Unter ihm und zwischen seinen Beinen eine riesige Lache gelber Flüssigkeit, die nicht nach Urin riecht, aber sehr exakt danach aussieht. Es ist nicht zu erkennen, was passiert ist. Es ist nur zu erkennen, dass die anderen unbequemen Gitterbanksitze um ihn herum sauberer sind und doch unbesetzt. Ich setze meinen Weg fort und beobachte vier oder fünf junge Erwachsene hinter dem Theater in schwarzer Kleidung: Eine Frau trägt Stulpen und ein Mann trägt gar nichts am Oberkörper und sie lachen und rauchen und sie sehen gut aus dabei. Auf der anderen Seite des Gebäudes steht das Publikum auf dem Gehweg und raucht und wartet oder trödelt. Ich freue mich über den Kontrast der beiden Straßen und darüber, dass jeder seinen Platz wahrt und setze mich inmitten des nahegelegenen Platzes zu Füßen einer Statue. Es ist selbsverständlich, dass die Gäste nicht hinter das Haus gehen, obwohl dort nur eine weitere Straße ist und eine weitere Adresse und weitere Menschen, die dort gehen, stehen, rauchen, wohnen. Ich freue mich über den Aufzug der Gäste, die sich gutgläubig schick mit Schmuck behängen und zumindest scheinbar teure Kleider tragen und elegant die Zigaretten vor sich halten, die Ellenboden in die Hüfte oder die Brust oder den anderen seitlich über den Bauch gelegten Arm gestemmt, und ich freue mich über die Darsteller, die auf der anderen Seite entspannen und lachen und das selbstverständlich nicht auf der Vorderseite des Gebäudes tun. Ich freue mich über die natürliche Unbekümmertheit der Bewunderten und über die zumindest temporäre Steifheit der Bewunderer und darüber, dass sie sich nicht begegnen.
Aus Versehen denke ich über Kluften nach zwischen den Menschen und darüber, wie die einen etwas lieben, was die anderen hassen und wie wir also niemals alle gleich sind und es nicht sein können. Kleinigkeiten teilen uns auf in Unterschiedlichkeiten und sorgen dafür, dass wir uns nicht begegnen. Sorgen dafür, dass die einen etwas haben und die anderen es gar nicht wollen. Wir sind nur eine Spezies, aber wir teilen keine Interessen. Wir teilen nur das Müssen: Essen und Trinken und Verdauen und Scheißen. Wir müssen alle Pinkeln, nur tun es die einen in Ubahnen und die anderen im Pissoir. Wir sind so viele und wir sind so anders, dass wir keinen Zugang zueinander finden. Vielleicht werden wir uns also immer in gegensätzlichen Straßen aufhalten, deren Mitte zueinander durch ein Gebäude blockiert ist, und vielleicht werden wir einfach keine Berührungspunkte finden, die alle zufriedenstellen, und vielleicht wird durch den Abstand bedingt immer einer ein Ja verstehen obwohl Na gesagt wurde.

13.09.2011

13 September 2011

es war erst gestern, da las ich, was ich von mir gab vor einem jahr. wieder ist es september und wieder scheint die sonne nur flüchtig durch die blätter an den bäumen und die luft wird etwas kühler und die bauarbeiten in den straßen gehen zuende. die trambahn fährt wieder normal, zumindest eine davon. die ubahn ist auch wieder offen an der haltestelle an meiner ecke und die primäre laufkundschaft der currywurstbude vor dem ubahnein beziehungsweise ausgang wird also wieder bedient. wir saßen am gehweg gegenüber und stocherten uns durch pommes rotweiß und spekulierten und diskutierten und dachten nach und wurden müde irgendwann. überall stehen autos: als gehörten sie zur architektur stehen sie an den straßenrändern vielmehr als dass sie dort parken. sie stehen wie feste gegenstände und im sommer diesen jahres war es einmal so und die autos waren alle weg und wurden durch mehr schilder als nötig ersetzt, alle paar meter, mit dem hinweis, fern zu bleiben. die schienen wurden aufgerissen und alles wirkte nackt vor den häusern und der in dieser zeit wenige durchgangsverkehr wurde knapp über den gehweg gelenkt und die arbeiter saßen in ihren löchern bei nacht und bei regen und schweißten und warfen lichter ins dunkel der grauen tage und abende. auf einem fahrrad klemmte eine puppe im gepäckträger und ertrug mit gesicht nach oben den fallenden regen, der durch schuhe sickert und an schirmen abprasselt. an sonnigen tagen suchten wir die stadt ab nach neuen möglichkeiten und landeten an theken und an tresen und wurden keines blickes gewürdigt und an anderen angelacht und dann nicht verabschiedet und an wieder anderen komplimentiert aufgrund einer begrüßung zuviel statt zu wenig. stühle knarzen und andere trommeln blechern auf dem holzboden, wenn man sich darauf setzt. bier schwappt auf holztische und schaumkronen verschwinden schneller als sie entstehen. wir lehnten an säulen alter gemäuer und lagen in rasen nahe am wasser und aßen obatzn mit brezen und tranken radler und viel wasser und bekamen sonnenbrand an den knien und den schienbeinen. wir fuhren fahrrad und wir gingen spazieren, wir trafen uns zum essen und zum diskutieren und wir nahmen uns urlaub. wir wollten weg und raus aus dem trott und dem alltag und nicht jeden tag das gleiche machen. keine regelmäßigkeiten mehr ertragen und stattdessen neues sehen und riechen und hören und finden uns in neuen gassen wieder, die aussehen wie alle gassen und sind auf der suche nach den kleinen unterschieden, nach denen wir uns sehnen. wir suchen viel und wir besuchen viel, wir ziehen um und wir ziehen umher und wir werden sesshaft und kündigen freundschaften und finden andere. wir besuchen das, was wir einst heimat nannten und tapsen durch wiesen und wälder und merken, dass es eigentlich keinen unterschied gibt zwischen hier und dort. vielleicht nur in der sprache und in der freundlichkeit und in der natur und in schaumkronen auf biergläsern. vielleicht in maßeinheiten und in gesprächsthemen und in fensterverglasungen und verkehrsausrichtungen, in währungen und wetterverhältnissen und essgewohnheiten und wir merken: es kommt alles von außen. wenn wir die augen schließen und die ohren und die nase und die haut, ist es nicht wichtig, an welchem flecken erde wir stehen. wichtig ist nur, wie wir dort stehen und wie wir durch die jahre gehen und wonach wir eigentlich auf der suche sind.