02.11.2010

Krieger.

Sie strömen aufeinander zu und ineinander rein und bleiben hängen an den Reißverschlüssen der Jacken oder den Knöpfen mit den Haaren und den Nasenlöchern vor lauter Neugier und vor lauter Ansichschmiegen an den anderen und Außeinandersetzen mit Äußerlichkeiten und ersten Eindrücken und vielleicht manchmal zweiten. Die Räume sind warm und voll und ein Flüstern wird zum Schreien und Lippen berühren Ohren ganz unfreiwllig in einem Gespräch und Gläser sind feucht und abgegriffen von Fingerabdrücken und an dem ein oder anderen Rand: etwas Lippenstift. Scherben auf der Straße und Flüssigkeit auf dem Tisch und dem Boden und den Händen und Hemdsärmeln und sie machen sich lustig übereinander und meinen es nicht ernst und andere machen sich lustig übereinander und meinen es ernst und suchen Streit aus Gründen, die sich nicht erschließen durch nur einen Blick oder zwei. Sie halten eine Hand, um sich kennen zu lernen und lassen sie dann vielleicht erst mal nicht mehr los und in der Ecke lassen sich zwei gar nicht mehr los und andere halten sich gegenseitig, um den Weg nicht zu verlieren und rennen ein Stück auf dem Gehweg und über die Straße und irgendwo fällt jemand hin und jemand weint und jemand tröstet und jemand tanzt und jemand bestellt einen Schnaps und stürzt den Nacken nach hinten und knallt das leere Glas auf den Tisch und an der Bar werden Getränke verteilt und Lächeln geschenkt oder geraubt. Am Wochenende verliert einer und einer gewinnt. Nicht nur am Super Nintendo in der Ecke mit den beiden Sesseln davor; es ist ein Kampf zwischen Stehenbleiben und Umfallen und zwischen Aufgeben und Durchhalten und die Konkurrenz an jeder Ecke, weil jeder ganz besonders sein will und nicht dulden mag, wenn jemand besonderer ist oder anders oder eben nicht anders. Sie prügeln sich und beleidigen sich und nur bei Street Fighter II Turbo ist der Kampf ohne Blut und mit nur wenig Schweiß und auch: ohne Konsequenz. Da wird einfach angestoßen und getrunken, weil das immer getan wird, weil sie das einfach tun und weil sie einfach so sind.
Wohin ist die Masse gegangen, mit der man sich gerne bewegte. Sie haben es verlernt, sie zu sein und sind nur noch ich und ein Ich stößt sich an allem, das den Weg versperrt und an allem, das es nicht fasziniert und Faszination ist aber so rar und so einnehmend: da bleibt nicht viel Bedeutung übrig für das Außenrum. Die Ichs überall fühlen sich klein und bedroht und prusten sich auf und versuchen, Halt zu kriegen und nicht abzudriften und nicht zertrampelt zu werden und stattdessen andere Ichs klein zu halten und stand zu halten gegen all die anderen. So ein Wochenende ist lang und sie schlüpfen in all die Charaktere und bekämpfen sich und kennen manchmal eine Spezialkombination mehr und manchmal eine weniger und manchmal verlieren sie knapp und manchmal gegen Null und manchmal treten sie gar nicht erst an, weil die Sessel besetzt sind und schließen Freundschaft stattdessen, an eine Säule gelehnt oder sie gehen raus und rauchen eine oder rauchen keine und stellen Bierflaschen ab auf einem Zigarettenautomaten und lassen sie stehen. Kämpfer können die besten Freunde sein, wenn sie miteinander kämpfen und nicht gegeneinander und alles, wogegen sie sind und wogegen sie taktisch vorzugehen planen, ist die Ahnungslosigkeit der Destination. Krieger brauchen keine anderen Krieger mit anderen Flaggen und anderen Rüstungen und anderen Meinungen, sie brauchen nur eine Beschäftigung und eine Ablenkung von dem Ich und sehnen sich nach einer Abgrenzung und erhoffen sich dadurch dann ihre Definition und Daseinsberechtigung. Und so entstehen Kriege und Leichen, die am Boden liegen in Lachen voll mit Ausscheidungen und dabei ist jede Leiche wieder nur ein Ich und es fehlt ihnen nur an Akzeptanz und Toleranz und Reflexion und es müsste gar keine Toten geben und sie könnten lachen miteinander während sie in Sesseln sitzen und Flammen schießen und springen und treten und schlagen und danach aufstehen und durch die Straßen laufen zusammen, mit den Fahrkarten in den Taschen, und lachen und sich nicht liegen lassen in den Lachen im Dunkeln. Weil es keinen Sieger gibt und keinen Verlierer und weil sie keine Krieger sind und keine Strategen und keine Idioten, sondern einfach nur Leute, die wissen: sie sind nicht allein.

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