29.11.2010

18 November 2010

es sind komische tage im herbst; kahle bäume vor dem fenster und die immer gleichen sätze der menschen, weil es so kalt sei und weil die arbeit so anstrengend sei und weil es so früh dunkel werde und wie das alles nicht belaste. mich belasten nur sie. ich sehe gerne den baum da draußen ohne blätter und ich gehe gerne durch die dunklen straßen und sitze in einer trambahn mit wenigen anderen leuten und sehe nach draußen und beobachte lichter. ich nehme meine brille ab und alles verschwimmt und vielleicht verpasse ich meine haltestelle und es wäre egal. aber es muss darüber gesprochen werden: sie lassen nicht locker und sagen allerhand die ganze zeit. floskeln fallen ihnen nicht mehr auf, sie werden einfach ausgesprochen, wie ein husten oder ein niesen: kaum zu verhindern. ich habe mal diese kurzgeschichte gelesen über den mann, der ein überhörgerät erfindet, weil die immer stattfindenden wiederholungen im gesagten der menschheit ihm unerträgliche schmerzen zufügen. ich muss immer wieder daran denken.

das licht in der tramhaltestelle surrt und keiner redet frei: beklemmende stimmung in anwesenheit von anderen menschen, die nicht erfahren sollen, wer man ist hinter den eigenen türen. die nicht hören sollen, was aus den kopfhörern strömt auf dem weg zur trambahnhaltestelle. online treffen sich alle neben ihrer tätigkeit und basteln an profilbildern und an den seiten, die sie mögen und die aussagen treffen über persönlichkeiten, die man nicht kennt. wir basteln fanseiten und gruppen und definieren uns darüber und manche gehen weiter und verurteilen: warum nicht teilgenommen an den antiatomprotesten und warum nicht da gewesen im wahnsinnsclub und auf der bücherschau oder in berlin oder wo man sonst heute gewesen sein muss und worüber man sonst heute ständig reden muss. wir genügen uns nicht mehr; es geht darum, wo wir sind und wie wir wirken. wir entstehen in der anerkennung und beobachtung und meinung der anderen, die uns teil wird. wir werden reflexion und mockieren uns über stil und unstil und über geschmack und über fehlenden individualismus, der aus dem kontext gerissen verschluckt wird in angeblich subkulturellen trends. vor einem club werde ich beschimpft aufgrund meiner brille, denn: jeder, der etwas hat, hat es nur von jemand anderem. wir geistern umher auf der suche nach neuem. auf der suche danach, herauszustechen. die einen stellen sich vor kameras und versuchen zu singen und zu sein wie jemand, der sie nie mehr sein können. die anderen orientieren sich an einem damals und schlagen die ärmel ihrer jacketts nach oben und die beine ihrer jeans und sehen unheimlich gut aus und tatschen auf ihren kleinen bildschirmen herum.
einmal stand ich in der teeküche und traf eine kollegin und sagte: hallo. sie antwortete: danke. und griff an ihre brille und lächelte und ich überlegte: was habe ich gesagt. wie auf unseren profilen auch, sind wir mehr status als bewegung. wir sind ausdruck von etwas: von gefühlen und von vorlieben. wir sind ausdruck unserer kreativität oder unserer nostalgie. wir sind nicht mehr nur lustig oder gut drauf, wir posten stattdessen ein video von vanilla ice und sammeln likes und comments. unsere ausdrucksweise wird zu einer fremden und wir genießen es. es ist schön, ein lied zu hören, das mit fremden worten ausdrückt, wie es einem geht. es ist schön zu glänzen durch sätze wie: wieso sollte ich zu sagen versuchen, was ein anderer vor mir schon viel schöner sagte. wir widersprechen uns. wollen individuell sein und autonom und bedienen uns dabei unentwegt der sprache und der bilder anderer und verehren helden jeglicher art. vergeben preise an die helden und finden ihre kleider schick und ihren stil und ihre schönheit oder ihren intellekt oder ihren wahnsinn und lassen unseren eigenen aus der sicht.
und warum. weil wir nicht sein wollen wie die anderen. wir wollen nicht musik machen wie jeder. wir wollen nicht schreiben wie jeder und nicht malen wie jeder und nicht basteln wie jeder. aus angst, unterzugehen, machen wir also gar nichts. wir: der mensch. er passt sich an und huldigt den wenigen, die aus der masse stechen, und wir träumen davon, es gleich zu tun ohne es zu tun. in einem lied heißt es: träume sterben, wenn sie wahr werden. fass den traum nicht an, sonst platzt die blase. und so bleibt traum eben traum und wir bleiben wir: eine masse von menschen, die sich zu definieren versucht als indivuum. die einfachste form der definition ist die gruppierung. die einfachste form der gruppierung ist die abgrenzung.

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