29.11.2010

18 November 2010

es sind komische tage im herbst; kahle bäume vor dem fenster und die immer gleichen sätze der menschen, weil es so kalt sei und weil die arbeit so anstrengend sei und weil es so früh dunkel werde und wie das alles nicht belaste. mich belasten nur sie. ich sehe gerne den baum da draußen ohne blätter und ich gehe gerne durch die dunklen straßen und sitze in einer trambahn mit wenigen anderen leuten und sehe nach draußen und beobachte lichter. ich nehme meine brille ab und alles verschwimmt und vielleicht verpasse ich meine haltestelle und es wäre egal. aber es muss darüber gesprochen werden: sie lassen nicht locker und sagen allerhand die ganze zeit. floskeln fallen ihnen nicht mehr auf, sie werden einfach ausgesprochen, wie ein husten oder ein niesen: kaum zu verhindern. ich habe mal diese kurzgeschichte gelesen über den mann, der ein überhörgerät erfindet, weil die immer stattfindenden wiederholungen im gesagten der menschheit ihm unerträgliche schmerzen zufügen. ich muss immer wieder daran denken.

das licht in der tramhaltestelle surrt und keiner redet frei: beklemmende stimmung in anwesenheit von anderen menschen, die nicht erfahren sollen, wer man ist hinter den eigenen türen. die nicht hören sollen, was aus den kopfhörern strömt auf dem weg zur trambahnhaltestelle. online treffen sich alle neben ihrer tätigkeit und basteln an profilbildern und an den seiten, die sie mögen und die aussagen treffen über persönlichkeiten, die man nicht kennt. wir basteln fanseiten und gruppen und definieren uns darüber und manche gehen weiter und verurteilen: warum nicht teilgenommen an den antiatomprotesten und warum nicht da gewesen im wahnsinnsclub und auf der bücherschau oder in berlin oder wo man sonst heute gewesen sein muss und worüber man sonst heute ständig reden muss. wir genügen uns nicht mehr; es geht darum, wo wir sind und wie wir wirken. wir entstehen in der anerkennung und beobachtung und meinung der anderen, die uns teil wird. wir werden reflexion und mockieren uns über stil und unstil und über geschmack und über fehlenden individualismus, der aus dem kontext gerissen verschluckt wird in angeblich subkulturellen trends. vor einem club werde ich beschimpft aufgrund meiner brille, denn: jeder, der etwas hat, hat es nur von jemand anderem. wir geistern umher auf der suche nach neuem. auf der suche danach, herauszustechen. die einen stellen sich vor kameras und versuchen zu singen und zu sein wie jemand, der sie nie mehr sein können. die anderen orientieren sich an einem damals und schlagen die ärmel ihrer jacketts nach oben und die beine ihrer jeans und sehen unheimlich gut aus und tatschen auf ihren kleinen bildschirmen herum.
einmal stand ich in der teeküche und traf eine kollegin und sagte: hallo. sie antwortete: danke. und griff an ihre brille und lächelte und ich überlegte: was habe ich gesagt. wie auf unseren profilen auch, sind wir mehr status als bewegung. wir sind ausdruck von etwas: von gefühlen und von vorlieben. wir sind ausdruck unserer kreativität oder unserer nostalgie. wir sind nicht mehr nur lustig oder gut drauf, wir posten stattdessen ein video von vanilla ice und sammeln likes und comments. unsere ausdrucksweise wird zu einer fremden und wir genießen es. es ist schön, ein lied zu hören, das mit fremden worten ausdrückt, wie es einem geht. es ist schön zu glänzen durch sätze wie: wieso sollte ich zu sagen versuchen, was ein anderer vor mir schon viel schöner sagte. wir widersprechen uns. wollen individuell sein und autonom und bedienen uns dabei unentwegt der sprache und der bilder anderer und verehren helden jeglicher art. vergeben preise an die helden und finden ihre kleider schick und ihren stil und ihre schönheit oder ihren intellekt oder ihren wahnsinn und lassen unseren eigenen aus der sicht.
und warum. weil wir nicht sein wollen wie die anderen. wir wollen nicht musik machen wie jeder. wir wollen nicht schreiben wie jeder und nicht malen wie jeder und nicht basteln wie jeder. aus angst, unterzugehen, machen wir also gar nichts. wir: der mensch. er passt sich an und huldigt den wenigen, die aus der masse stechen, und wir träumen davon, es gleich zu tun ohne es zu tun. in einem lied heißt es: träume sterben, wenn sie wahr werden. fass den traum nicht an, sonst platzt die blase. und so bleibt traum eben traum und wir bleiben wir: eine masse von menschen, die sich zu definieren versucht als indivuum. die einfachste form der definition ist die gruppierung. die einfachste form der gruppierung ist die abgrenzung.

10.11.2010

Örtlichkeiten.

Ich werd mich nie verändern. Ich werd immer derselbe sein. So die Zeilen damals im Ohr und am Besten noch bei hoher Lautstärke im Auto durch die kurvenreichen Straßen und die Gassen und die Waldstücke, bis irgendein Monstrum an Gefährt auftaucht und man nicht mehr vorbeikommen kann. Und ich kenne die Menschen dort und ich weiß, wie sie fahren. Selbst neben mir am Steuer hatten Freunde von auswärts gelegentlich Angst. Man lernt anders fahren in so einer Gegend und man lernt anders umzugehen mit dem Fahren in so einer Gegend und Jahre später weiß man nicht mehr, wo der Führerschein steckt im Portemonnaie und man braucht ihn einfach nicht mehr und sitzt in einer Bahn und schaut auf den Schoß mit dem Buch darauf oder der Zeitung und nicht mehr nach draußen. Nach draußen gesehen haben wir nur gezwungenermaßen die Straßen entlang und ich erinnere mich an den Berg in dem Dorf, den ich herunterfuhr, des nachts, auf dem Nachhauseweg, und da stand oder hing dieser Mercedes in der Hauswand mit einer gebrochenen Achse und zwei Frauen im Mantel daneben, die Arme um sich selbst geschlungen und der aufgebrachte Mann in dem Auto, am Steuer, der zu lenken versucht und nicht nüchtern wurde trotz der frischen Luft und des Schocks: ich wollte doch nur kurz nachhause. Hier gibt es Stammtische und ihr Inhalt ist Bier. Hier gibt es Drogen und Autos und Langeweile und Schrauber und Dealer und Lehrer und Schüler und alle auf engstem Raum. Es gibt Tennisvereine und Trainer und Kinder und Frauen und Männer und Ehebruch. Im Wald neben dem Haus wird sich zum ersten mal geküsst und verliebt oder daran geglaubt. Es werden Pilze gesammelt und Autos gebastelt mit Fernsteuerung, die durchs Unterholz gejagt werden. Es wird Basketball im Hof gespielt und Rundlauf in einem anderen an einer Tischtennisplatte und Jugendliche stehen sonntags auf dem Tennisplatz und schlagen sich den roten Sand mit dem Schläger vom Schuh und warten auf den Aufschlag und Eltern sehen zu und feuern an und wissen es besser, während Intrigen laufen in den Häusern: Eine Frau findet ihren Mann mit einer anderen zuhause. Ein Mann findet seine Frau bei einem anderen zuhause. Irgendjemand enthüllt einen Lehrer und seine minderjährige Schülerin und der Tennisverein verliert ein Mitglied ans Gefängnis und wahrscheinlich war das die Schülerin selbst, die geplaudert hat. Kaugummiautomaten werden geplündert und Straßenlaternen werden ausgetreten und trockene Felder werden angezündet im Sommer und Wände werden mit Parolen beschmiert und die Kleinen werden verprügelt und die Großen treffen sich auf der Straße und rauchen und keifen und dann werden alle älter und einer erhängt sich im Schuppen seines Vaters und einer setzt sein Auto in den Graben und bleibt stundenlang wach und aber bewegungslos liegen und wird nicht gefunden und manche wechseln die Schule und manche beenden die Schule und Freundschaften brechen und andere entstehen und Tshirts passen nicht mehr oder werden eingetauscht gegen neue oder andere und nur die Kaugummiautomaten verändern sich nie und die Dellen in den Straßenlaternen.
Ich fahre mit dem Auto durch die Gegend und halte an, um einen Baum zu photographieren, den ich früher nie gesehen habe: Der Wald ganz abgeholzt hinter den Häusern und nur vereinzelte Stämme und Äste und Blätter und ich bleibe stehen am Rand und steige aus und gehe ein paar Meter und knipse ein bisschen, während auf dem Kinderspielplatz ein alter Mann mit einem kleinen Mädchen spielt und es auf die Rutsche hievt. Ein Junge fährt mit einem Kickboard durch die Straße und nickt mir zu und lacht mich an; ich bin zu warm angezogen und steige in das Auto und fahre ein bisschen weiter und besuche Eltern und Freunde und mein Magen ist flau. Es ist der selbe Garten mit dem plätschernden Wasser im Teich und der holzverkleideten Terrasse mit dem Grill am einen Eck und den Blumen außenrum. Es sind die selben Nachbarn, die am Zaun vorbeilaufen und grüßen oder am Zaun vorbeilaufen und wegsehen oder die Straße fegen oder ihre Autos waschen oder einparken und andere dabei zuparken, nur älter sind sie geworden und haben vielleicht geheiratet oder ein Kind oder sonst etwas erreicht. Es sind die selben Nachbarschaftskriege und die selben Streitereien im Haus und ums Haus herum und ich lasse mich mit dem Auto wegfahren und spreche mit Freunden über dies und jenes und sehe, wie sich doch Dinge verändern. Wie Schrauben auf dem Tisch liegen und Teppichböden abgeklebt wurden und ein Freund jetzt ohne Brille sehen kann. Und dann sitze ich auf dem Rücksitz und sehe mir die Nacht an und die Umgebung und die Straßenschilder und mache die Augen kurz zu und umarme, angekommen, einen weiteren Freund und freue mich, ihn zu sehen und stoße an mit ihm und tanze mit ihm und den anderen Menschen und Freunden, die so selten um mich sind und bin ein Fremdkörper in dem Räumlichkeiten und an dieser Luft und kralle mich sogesehen nur fest an den wenigen Händen, die mir gereicht werden und bin dankbar dafür, trotz des Fluchtgefühls. Ich sehe Blicke auf mir und sehe meine Brillenränder am Rand meiner Sicht und fühle mich winzig und unausgewachsen und viele Jahre jünger und: verändert und weiß bisweilen auch, warum. Und da stehen wir und reden und haben Probleme und Anliegen und Vorlieben und Erzählungen und es sind doch andere. Wir drehen uns im Kreis als der Mensch, der wir sind mit Gefühlen und Standbeinen und Standorten und verschieben uns aber und sind nicht mehr klein, sondern ausgewachsen. Auf den alten Bildern sind unsere Gesichter mit mehr Haaren auf den Köpfen und größeren Tshirts um den Kragen und wir dokumentierten die Anfänge von etwas: Interessen und Leben und stehen jetzt davor und legen einen Arm um die Schulter und lachen miteinander übereinander.
An Weihnachten werden Weihnachtslieder gespielt im Radio und man sitzt um einen Baum herum, mit Lametta und Kerzen und Kugeln und Päckchen darunter und mit etwas Glück schneit es ein wenig und wenn nicht: redet man darüber, warum es nicht schneit. Es gibt deftiges Essen und auf dem Tisch stehen Schalen mit Plätzchen darin, gekauft, früher selbst gemacht mit den Kindern, die von Teig naschten und Förmchen in die ausgerollten Teigmassen stampften und sie am Ende nach dem Backen alle mit Schokolade bestrichen und mit Zucker bestreuten und sich die heiße oder später schon kalt gewordene Schokolade von den Fingern leckten. Kerzen brennen und es steht vielleicht ein Glas Wein auf dem Tisch und die Unruhe der Erwartung von Geschenken und Überraschungen ist einer Unruhe gewichen, sich im gleichen Raum aufzuhalten und Gespräche zu führen und Konsens zu finden. Mir ging es immer um die Geschenke: Lego und Playmobil, Legotechnik, Mask Autos und Figuren, Matchbox, ein Puzzle, Kuscheltiere, Kassetten, CDs, Platten, Pullover, etwas zu essen. Heute will ich schenken und mir die Beschenkten ansehen beim Aufreißen der Verpackung und ihre Reaktion abwarten und die Überraschung sehen und die Freude oder die Enttäuschung. Ich habe meinem Großvater dabei zugesehen, wie er die Verpackung kaum aufbekommt und das Geschenk nicht versteht und man es ihm in die Hand legt und erklärt und es wieder weglegt, auf den Tisch vor ihm, und er nur glücklich ist, weil er zwischen uns sitzt und ich dachte: Geschenke sind nichts, nur eine Ausrede, zusammen zu sein. Und wir nennen es Bescherung kurz nach dem Essen und versuchen dann, zusammen zu sein, wie wir es seit Jahren tun, bis das erste Telefon klingelt und man Pläne schmiedet und der erste verschwindet und ich nicht weiß: wohin. Ich bin nur zu Besuch in einem Haus und einem Ort und einer Vergangenheit und nicht zuhause; mein Zuhause ist klein, hat nur ein Zimmer, in meinem Zuhause bin ich nicht aufgewachsen, in meinem Zuhause lebe ich und bewege mich als Mensch und als Mann und als das, was ich bin. In meinem Zuhause liebe ich und lebe ich und rede ich und bin ganz frei. Hier bin ich, was ich war: Klein und unausgewachsen und ich sitze da und werde immer klein sein, weil klein nichts mit der Größe zu tun hat, sondern nur mit dem Alter und der Umgangssprache.
Auf den Autos kleben Aufkleber: Ein Fisch oder ein minimalistisch dargestellter Berg und der Lokalpatriotismus. Die Menschen sind stolz auf ihre Gegend und auf die Schönheit dieser Gegend, auf die Wälder und die Ruhe und die Luft. Ein Fisch auf dem Auto bedeutet: langsam und spießig und zu vorsichtig. Ein kleiner Berg auf dem Auto ist gut, man fühlt sich verstanden und zugehörig. Zwei große Augen auf der Heckscheibe und breite Reifen und tiefer gelegt, versucht ein Auto in eine Tankstelle einzufahren und dockt auf dem Boden auf am Gehsteigrand. Es wird gelacht über ihn oder nur geguckt und Aufmerksamkeit gegeben und weitergefahren. In der Stadt fährt man exakt sechzig Stundenkilometer, weil das schneller ist als fünfzig, mit Toleranz aber zu wenig, um bestraft zu werden. Fährt jemand zu langsam, wird er von hinten bedrängt und darauf hingewiesen und dann überholt und ausgebremst, um es ihm heim zu zahlen. Auf der Straße tummeln sich schwarz gekleidete Jugendliche und solche mit zerrissenen Schuhen und Hosen und Hemden und Mützen auf dem Kopf. Die einen tragen Skateboards unter dem Arm, die anderen nur Bierflaschen. Traktoren parken, wo sie wollen und Heranwachsende identifizieren sich über Tshirts der lokalen Feuerwehr undoder Sätzen, in denen das Wort Bier vorkommt. Es gibt Kirchweihen und es ist lustig, betrunken aufzuwachen und nicht mehr zu wissen, was war und es sind tolle Geschichten. Man partizipiert in Schützenvereinen und in Fußballvereinen und trinkt doch nur jedes Wochenende zusammen und nimmt andere Drogen und erzählt stolz, wieviele Flaschen man alleine geschafft hat. Die Älteren sitzen in der Wirtschaft und wollen ihre Ruhe und spielen Schafkopf in kleinen Runden oder Schach oder Backgammon oder Skat oder sonstwas und kaufen sich alle zwei Jahre ein neues Auto, dank Finanzierung und manchmal setzen sie es gegen Häuserwände und manchmal waschen sie es auf ihrer Garageneinfahrt und präsentieren es den Nachbarn und es ist wichtig, die TÜV Plakette ordentlich zu haben und die Reifen regelmäßig zu wechseln und die billigste Tankstelle zu kennen und wenn nötig ein paar Kilometer weiter zu fahren, um günstiger zu tanken. Man weiß, welche Ampel wann auf Rot schaltet und wann auf Grün und man weiß, wo man ewig steht und man weiß, wo man einfach durchfahren kann und wo ein Blitzer steht und wo niemals ein Blitzer steht und wo kontrolliert wird und auf was. In den kleinen Städten werden im Sommer die Fenster heruntergelassen und unter den großen Augen auf der Heckscheibe wackeln die Boxen und schallen durch die Straßen und über die öffentlichen Plätze. Mit unseren Autos sind wir durch die Gegend gefahren und haben uns nachts noch getroffen und einen Burger gegessen oder Billard gespielt oder uns auf Couchen gesetzt und geredet und geraucht und Musik gehört und davon geträumt, diese Musik besser zu machen. Haben uns getroffen an festen Orten und an abgelegenen Orten und dort die Nacht verbracht im Freien mit einem Feuer. Wir sind auf Parties gefahren, auf die wenigen üblichen Möglichkeiten: in einem Keller aus Stein, in einem kleinen Häuschen am Straßenrand, in den katholischen Räumlichkeiten eines Touristenortes, in den Häusern von Freunden. In einer Gruppe von sich kennenden Leuten, die Freundinnen und Freunde wechseln und Eifersüchteleien vom Sofa zum Barhocker zum Kühlschrank zur Anlage tragen und beobachten und beäugeln und sich verlieben und nichts dafür können, in wen und wann und warum. Liebe wird verwechselt mit allerlei: Mit ersten Emotionen, mit sexuellen Trieben, mit Neid und mit Wut. Wir lernten uns kennen und weniger die um uns herum.
Wenn ich den Gartenschlauch im Garten liegen sehe, denke ich an Gartenarbeiten. An das Wässern der Pflanzen und das Umgraben der Erde mit dem Spaten oder einer Schaufel. Ich denke an schmutzige Handschuhe aus hartem und kaltem Leder, die des nachts im Schuppen lagerten und an meinen Großvater, der schweißnass mit nacktem Oberkörper Hölzer mit einem großen Hammer im Boden versenkte und zwischendurch Schlücke von einem Bier nahm. Ich denke an meinen Vater und an meinen Bruder, die alle anpackten und an mich, wie ich daneben stand und das Gefühl feuchter schwarzer Erde genoss, in meiner Hand, und ich rieche die Erde. Der Garten wurde zugebaut mit Abgrenzungen und Zäunen und Vorrichtungen und ich sah Regenwürmer aus dem Boden kommen und roch den Kompost in der Ecke. Ich mähte den Rasen in regelmäßigen Abständen und leerte das Gras auf dem Komposthaufen aus und sammelte grüne Flecken auf meiner Kleidung, die nicht mehr herauszuwaschen waren. Im Keller am Waschbecken säuberte ich meine alten Schuhe, noch rötlich gefärbt von den vorangegangenen Tennisspielen auf Sand, die Bürste in der Hand und Seife aus harten kleinen Kernen, die auf den Händen wehtat unter dem heißen Wasser. Neben dem Waschbecken die große Heizung und in den Ecken: die Winterreifen für all die Autos. Alte Schränke abgestellt in den Kellergewölben und auf dem Dachboden mit Mäusefallen und den Christbaumkugeln, die zu Weihnachten über die schmale Holztreppe heruntergebracht und gemeinsam an dem Baum angebracht wurden. Dazwischen alte Decken und Photoalben in Umzugskisten und die Mäusefallen waren immer leer und das Holz immer rau an den Wänden und der Boden immer kalt und das Licht immer finster. Das Lametta in den Kisten ist verheddert und die Lichterkette verknotet in sich selbst, auf der Kiste steht undeutlich mit Kugelschreiber: Weihnachten. Mit kalten Fingern habe ich Autoscheibe frei gekratzt im tiefsten Winter und die Türe aufgezogen und dem Knirschen zugehört, in der Türe und unter meinen Füßen. In dicke Kleidung eingehüllt hinter das Lenkrad gesetzt und den Motor gestartet und schon dann nicht mehr aus dem Fenster gesehen. Musik an und Heizung an und auf die Füße und gewartet, auf die Wärme und die Sicht. Unter den Reifen quietschte der Schnee beim Ausparken und Lenken und langsamen Gasgeben. Auf die Scheibe rieselten die Flocken, die Scheibenwischer ratterten unsanft darüber und rasteten zurück aus dem Blickfeld. Schon fast zuhause über die schmalen Straßen und nahezu ohne Gegenverkehr bis es erstmal warm wurde an den Händen, die in Handschuhen das Lenkrad festhielten, und bis der Atem nicht mehr sichtbar war beim Mitsingen oder Mitrufen oder Mitschreien oder Mitflüstern bei all der Musik. Die Kassetten eiskalt in dem Schuhkarton unter dem Beifahrersitz: Blick nach vorne und linke Hand am Steuer und rechte nach hinten und blind kramen nach Aufnahmen und all das für so kurze Wege. In den Waldstücken blitzte es an den Seiten auf: CDs an kleine Schnüren hingen da und die Spuren wurden noch enger mit den Schneemassen am Bankett. Zuhause vor der Türe einen Parkplatz suchen. Keine Schilder, nur Autos und Nachbarn und Grundstücke und Grundstücksverletzungen, Musik leiser drehen und Parken an einem Zaun und Aussteigen im Dunkeln und die Tür aufschließen und ins warme Bett legen und Auto und Haustüre zusperren nicht vergessen. Bei den Nachbarn wurde eingebrochen; seit sie ihn mit der Frau auf der Couch erwischt hat, lebt sie alleine dort und ist selten da: Die Rollläden sind unten, das Haus verlassen die meiste Zeit. Ein gefundenes Fressen und das in aller Munde.
Jeder kennt jeden und jede Geschichte und jeder weiß, warum ein Kind Legastheniker ist und warum ein anderes genial ist und warum ein anderes niemandem in die Augen sehen kann. Jeder weiß, warum Ehen zerbrechen und warum Jugendliche zueinander passen oder nicht zueinander passen und wer betrunken war beim Schützenfest und wer im wievielten Spiel des wievielten Satzes beim wievielten Turnier den Matchball verwandelte. Jeder weiß von den neuen Autos der anderen und von den kleinen Affären und wer seine Kinder schlägt und wer seine verwöhnt und wer schon wieder etwas anbaut an das Haus oder an die Garage und wer sich beschwert über Hundescheiße und wer Hundescheiße nicht aufräumt, sondern liegen lässt. Man weiß, welches Kind Probleme in der Schule hat und welcher Nachbar seit Jahren keine feste Freundin. Schwul ist ein Schimpfwort unter den Jugendlichen und man hat Angst vor Fremden und Fremdem in Form von Kulturen und Menschen und Traditionsverletzungen. Man weiß, wovon die Rede ist beim Wort Brotzeit, hat aber keinen realitätsnahen Gedanken beim Thema Graffiti. Ortsansässige Kleinpolitiker werden nebst ihren Kampagnen nach ihrem sozialen Umfeld und ihrer Familie und ihrer Vergangenheit und Schule und Hobbies beurteilt. In der Bank arbeitet seit Jahren der gleiche Ansprechpartner und kennt jeden Kunden mit Namen und deren Kinder und Kreditfähigkeit. Hier werden Häuser gebaut und Familien gegründet; man baut Leben auf mit den Jugendlieben und bekommt Kinder und damit jemand da sein kann für die Kinder, baut man ein Haus im Ort oder im Ort nebenan und wächst zusammen und bleibt und fühlt sich wohl. Zufrieden wird hier gelebt, in der Ruhe und in der Gewohnheit und Gelassenheit, hier findet jeder früher oder später seinen Parkplatz und jeder kauft ein bis 20 Uhr und dann gibt es Abendessen zusammen am Tisch und man spricht über den Tag und über die Nachbarn und über den Garten und die Häuserfassade und die neue Praxis des ansässigen Arztes und wie unverschämt es eigentlich ist: Die Räume sind zu offen.
Darum geht es hier. Immer und immer und immer wieder. Die Welt ist eine schöne, so abgeschottert und ruhig und ohne die große Problematik von außen. Ohne das große Ganze. Die lokale Presse berichtet über lokale Dinge; ich schlage die Zeitung auf und sehe große Artikel zu Bauplänen und kleine Artikel zu politischem Geschehen. Aus der Schale mit Plätzchen auf dem Tisch nehme ich mir eines mit Schokolade. In der Holzschale liegen auch große Lebkuchen, fast schon eine Mahlzeit. Ich verderbe mir den Magen mit Süßkram und setze mich dann auf den Teppichboden und entwirre die Lichterkette und hänge sie auf den Baum und setze mich und schlage die Beine übereinander. Es schneit leicht und es wird langsam dunkel und ich denke an die Lieder im Auto bei hoher Lautstärke und an die Wege und die Menschen, die diese Wege miteinander verbinden und ich fühle mich einsam, während die Lichterkette sich im Fenster zu spiegeln beginnt. Ich stehe auf und nehme mir einen Schlüssel und fahre durch die Straßen und die Gassen und die Waldstücke und höre Musik und weiß nicht, wann ich zurück kommen werde und ob es rechtzeitig sein wird zur Bescherung.