28.10.2010

Waghals.

Wir kennen uns gar nicht und kennen uns aber vom Sehen und haben uns schon oft in die Augen geblickt beim Vorbeigehen oder ein freundliches Hallo gesagt oder gelächelt oder sonstwie eine Form der Sympathie Kund getan, die aber nie über etwas hinausging das zwischen uns stand und steht. Und plötzlich sind wir weg voneinander und weil man sich ja nicht kennt: weiß man auch nicht, wohin und wo man zu finden wäre und wie man sich wiedersieht und ob man vielleicht mehr sagen würde als ein Hallo bei nächster Gelegenheit oder wahrscheinlich wieder nur auf übernächste aufgeschoben. Halbgespräche, die nach Themen suchen in einem Gewusel von Gedanken und einem Körper vollgestopft mit privatem Inhalt, den man nicht veräußern möchte oder sollte oder sonstwie Bedenken hat und nicht zeigen will und aber auch so schlecht verstecken kann. Herumreißen an den Fingern und verstohlenes Blicken aus Augenrändern und durch Fenster und im Vorbeigehen und ein Nichtwissen, wie weit man gehen kann und womit und so stehen wir dann herum und man trifft sich ja doch immer und immer wieder irgendwann und irgendwo und sagt dann nichts oder sagt was und überlegt also viel oder gar nicht und das alles nur aus Interesse an Menschen, die man nicht kennt, die aber wirken auf gewisse Arten und Weisen und die man dann nicht vergessen kann oder nicht vergessen will und das ja oft so unbegreiflich. Und wir grübeln über Möglichkeiten und darüber, sie zu nutzen und wie sie denn zu nutzen seien überhaupt und denken dann noch weiter und weiter und kommen grundsätzlich kaum und selten zu einem Punkt und zerdenken alles immer wieder und auf einmal steht man sich gegenüber und man fragt sich vielleicht: was fasziniert mich denn und warum und wie lange.
Und die Frage der Faszination an sich und wie sich äußert und wohin sie führt und ob sie führen muss oder soll oder kann. Bedeutungsschwer stampfen wir durch die Räume und Straßen und jeder Schritt wuchtet gewichtig über Kopfsteinpflaster oder Kaugummipapier oder Taschentücher oder andere Füße, die so gehen und stehen den ganzen Tag. Bedeutungsschwer stolpern wir Treppen auf und ab und nichts ist mehr Kleinkram, weil wir an allem so hängen: Gesundheit zum Beispiel. Nicht hinfallen und auf jeden Fall den Rücken gerade halten, auch beim Sitzen und beim verstohlenen Blicken durch die Landschaft oder die Häuser und Gassen oder die Gesichter (wo immer man sich eben aufhält und woran man eben so denkt).
Ich lese Kritiken zur Absonderung und zum Verkriechen von Menschen hinter Büchern und Kopfhörern und Smartphones und E-Readern und lese über Selbstversuche von Menschen, die das kritisieren und sich einer wahnsinnig irren Welt ohne Handy und E-Mail und Facebook aussetzen wollen und ihren waghalsigen Erfahrungen, die mir doch nur vor Augen führen, dass es keine Rolle spielt und irrelevant ist und die Auseinandersetzung mit dem Verzicht auch nur eine Auseinandersetzung ist und damit eine Bestätigung. Nichts erzeugt von sich aus Aufmerksamkeit. Das sind nur wir, die sie geben.

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