05.10.2010

Basketball.

Ich sehe Gummistiefel über Asphalt laufen und Blätter mitschleifen, die hängen bleiben an der Sohle oder direkt auf dem glatten Material an der Oberfläche. Die Blätter traben so durch die Stadt von einem Ort zum nächsten und fallen einfach immer wieder. In Pfützen oder auf Bänke oder auf Straßen oder auf Gehwege oder auf meine schwarzen Schuhe mit den undichten Nähten am Ansatz. Ein Streifen Nass zieht sich an meiner rechten Wade entlang und die Löcher werden auch immer größer an der Taschennaht der Jeans. Ich sehe nicht mehr weit oder die Wolken verdecken die Sicht oder: es ist einfach schon wieder so dunkel und trüb und ich kann nicht weglaufen vor der Dunkelheit oder ihr entgegen, je nach Lust und Laune. Ich ziehe mit dem Finger über Bildschirme und finde nichts darauf und mein schwarzer Stift ist schon lange leer. An Stellen, an denen früher Worte klitzeklein aneinandergeschoben wurden, strahlen nun blanke Seiten links und rechts vom Lesebändchen. Ich sitze in einem Café und kann das Buch nicht mehr sehen und lege es weg und trinke ein Bier statt einem Kaffee. Es klirrt an allen Ecken und die Tür schlägt immer stark zu und es regnet draußen und an meinem Schirm, den ich geschenkt bekommen habe, ist das Bändchen abgerissen, um ihn zusammenzudrücken und zusammenzuhalten. Es dämmert und donnert und ich gehe die Straßen entlang und stehe in Verkehrsmitteln und es würde sich alles anfühlen wie immer oder wie früher, wäre es so einfach. Meine Mutter ruft mich an und will mein ehemaliges Kinderzimmer ausräumen und den Schrank verkaufen und fragt: brauchst du den Kram noch. Ich bin verwirrt und überlege und gehe durch die Schränke mit meiner Hand und mit allen Fingern und stoße auf Schuhkartons und alte Briefe und ungeübte Handschrift und ein Auto aus Lego oder zwei und da sind drei kleine grüne Bälle zum Jonglieren und ein paar Spielkarten liegen da und ALF Kassetten und Lustige Taschenbücher und weniger lustige Taschenbücher und im Schrank hängen Hosen, die mir zu groß sind, jetzt, da ich gewachsen bin. Ich denke an Basketballkörbe aus Plastik, die ganz klein über die Zimmertür hängen und abgerissen werden. Ich habe Wände angemalt und übermalt und da sind so viele Dinge, die etwas bedeuteten und es heute nicht mehr tun. Ich vermisse eine CD, die ich jetzt gerne hören würde, von der ich aber nicht weiß, ob ich auch nur ein einziges Lied bis zum Ende durchstehe. Ich sehe Rollen auf Asphalt und Blut an den Händen und Schmiere und salzige Schweißstreifen in Kleidung und es war gut.
Und es ist gut. Erinnerungen taumeln durch die Straßen wie Blätter und werden umhergetragen von einem zum nächsten und manchmal liegen sie so lange an einem Ort, bis eine Maschine kommt und sie wegschiebt oder sie einsammelt mit großen Bürsten, die über den Boden rutschen und dann sind sie weg. Ich starre der Maschine nach und dann nach vorne und steige wieder in ein Verkehrsmittel und starre dann auf die leeren Seiten und das Lesebändchen und denke: ich habe heute nichts zu sagen. Und weiß aber auch: das ist gut. Sag heute nichts. Fühl es nur.

Kommentare:

  1. schön geschrieben.

    vergangenheit gehört dazu und sie ist so unerwartet wie die blätter, die ganz plötzlich vom baum fallen. und man wandert mit den füßen hindurch und schiebt sie vor sich her und empfindet sie mal als störend und mal als schön, wenn das laub raschelt und die erinnerungen schön sind.
    aber dann muss man weitergehn und die blätter werden weggefegt und weggeräumt, wie der schrank und die sachen, damit platz für neues ist.

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  2. damit platz für füße ist und autos und fahrräder. es betrübt mich meist, zu sehen, wie die blätter zusammengekehrt werden und aus dem weg geschafft. sie füllen das bild und machen es bunter und ich bilde mir gerne ein, sie seien für den herbstduft verantwortlich.
    aber dinge verändern sich, ja. sie gehen weiter und selbst, wenn sie nicht weggeräumt werden, verrotten sie im sonnenlicht und in der luft. so wie die erinnerungen in der zeit. sie kommen und gehen und wir können vielleicht nur manchmal ein solches blatt aufheben und es zwischen zwei buchseiten stecken.

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  3. und selbst dann ist es nicht vor dem ewigen verfall geschützt, weil man es nicht ewig halten kann, nur für einige zeit, je nachdem wie gut man es behütet und darauf aufpasst.
    aber ein blatt ist so klein und eigentlich wäre da so viel, dass man halten wollte.
    und dennoch kommt neues, auch wenn man noch an altem hängt oder nicht mehr hängt und es schon weggeschoben hat und der duft nur noch einfach so in der nase liegt, ohne irgendwo herzukommen.

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  4. so ist es. und vor dem neuen sollten wir uns nicht fürchten. wir sollten auch darauf zu gehen und uns herantasten. der duft kann in der nase bleiben, da tut er keinem was.
    und: dinge wiederholen sich.

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