13.09.2010

Schmale Straßen.

Auf den Treppen riecht es nach Sägespänen. Sie liegen in den Ecken verteilt und die Sonne scheint und die Fahrgäste vertreten sich die Beine die Treppen nach oben. Es ist hell, auch im Auto ohne Dach und wir fahren durch die Stadt auf die Landstraße zwischen Bäumen hindurch und es riecht nach Harz auf den Wegen und Gassen, umringt von Wäldern und Sonnenblumenfeldern und Maisfeldern und am Rand in einer Kurve: Holzstämme aufgebäumt. Ein Flugzeug zieht durch den blauen Himmel, Traktoren zerren riesige Anhänger über die Berge und Nachbarn streiten oder schneiden die Hecke und räumen Schubkarren aus dem Weg. Es ist still, als wir anhalten, kurz, um dann wieder ein neues Ziel anzusteuern, zu Essen draußen mit Menschen um uns, nah an einer Straße, über die sowohl gefahren als auch gegangen wird. Motorräder am laufenden Band und Männer in Lederkluft mit den Helmen neben den Krügen aus Glas. Zwei Männer trinken Weizen mit nackten Oberkörper, rechts von mir eine Gruppe mit blauen Polohemden, auf dem Rücken: Stammtisch - Bier ab 4. Ich esse Salat, die Sonnenreflexion der Gabel fällt abwechselnd auf meine Brust und mein Gesicht und ich äußere wenig.
Laute Musik im Auto und eine fast vergessene Strecke mit Fabrikgebäuden und ehemaligen Ferienjobs und Freunden in Häusern am Straßenrand und dann fällt mir auf: Der Friedhof ist nicht angeschrieben. Ich kaufe kein Grablicht und gehe den exakten Weg der Bestattung nach, weil ich denke: ich finde ihn nicht sonst. Überall Müllkästen aus Holz und grüne Gießkannen um runde Brunnen. Über dem Grab eine Brücke, auf der sich zwei Bekannte treffen, die Sonne scheint warm und ich lege meine Hand auf die Grabplatte und denke kurz nach und gehe dann wieder, die Schuhe knirschen auf dem sandigen Boden, ein paar Vögel zwitschern und Blätter rascheln in sachtem Wind. Ich setze mich auf eine Bank und binde meine Schuhe. Vor dem Tor steht eine runde Frau an ein Auto gelehnt, die Arme verschränkt, ich meide den Blickkontakt und starre durch die Häuserlücken auf die Berge im Hintergrund und auf eine ausrangierte Tankstelle hinter Gitterstäben. Im Auto weht mir der Wind durch die Haare, am Wirbel stellen sie sich immer wieder auf in der Luft, als wollten sie aus dem Auto steigen vor mir.
In der Lindenstraße steht der alte Spielplatz gegenüber dem Wald, dessen Bäume vereinzelt in den blauen Himmel ragen. Ich sehe sie mir genauer an; ein Paar sitzt auf der Bank, ein Großvater spielt mit dem Kind auf der Rutsche, ein kleiner Junger fährt auf einem Kickboard an mir vorbei und nickt mir zu, bevor er den Berg herab ansetzt. Die Bäume erinnern mich an Filme über den Krieg, sie sehen asiatisch aus, denke ich. Ich kehre zurück und gehe durch den Garten auf die Terrasse und trinke Kaffee und beobachte eine Spinne beim Spinnen eines großen Netzes. Der Garten hat sich kaum verändert. Das Gras etwas dichter, im Schuppen steht der Rasenmäher, neben dem Schuppen kleine Holzstücke und eine Leiter an der Wand befestigt. Blätter wuchern um das Holz und Spinnweben. Insgesamt drei Gartenschläuche und ein gefällter Baum, dessen kleiner Rest daliegt wie zur Ruhe gebettet. Eine Tupperware voll mit buntem Fischfutter, eine kleine Pumpe im Teich, die Wasser herauszieht und wieder hineinplätschern lässt. Daneben der Grill mit Bricketts und Kohle auf dem Holzboden. Wir rauchen und sagen vereinzelte Sätze und sitzen einfach nur ein paar Stunden.
Die Hunde hören mich vor meinen Freunden, vor der Haustüre stehend. Ich drücke die Klingel noch einmal und freue mich über die Gesichter und das Wiedersehen und wir reden und öffnen eine Bierspezialität und testen die Grenzen der neuen Boxen im Nebenraum und tauschen uns aus und lachen und bringen Meinungen unter einen Hut. Auf dem Schoß der Hund mit nur einem Auge, auf dem Boden der andere, mit dem weichen Fell und dann bald wieder der Weg durch die Wälder, die schmalen Straßen entlang mit den vielen Kurven und den wenigen Häusern und noch mehr Freunde in einer Holzhütte neben den roten Tennisplätzen und wir reden und lachen und sehen uns so selten. Wir tanzen solange die Lieder noch gehen, keine Zeit, sie zu Ende laufen zu lassen, bei Musik aus dem Computer. Und dabei haben wir genau das: Zeit. Und: Gott sei Dank haben wir beide uns gehabt, sagt der Lautsprecher mit dem Knacks in der Membran oder wie man das nennt. Wir essen und wir schenken und wir schneiden Themen an und wollen dann nicht gehen oder einfach noch nicht und gehen letztendlich doch durch die Nacht und fahren über die Straßen und ich denke an Westentaschen und daran, wie man Dinge vergisst und sie hinter sich lässt.
Ich steige aus. Eine Gegend, in der man Schlüssel noch auf Autoreifen liegen lässt, um Einlass zu bekommen. Die alte Couch unverändert, vielleicht etwas rissig geworden, hauptsächlich aber bleibt sie Gewohnheit, durchgesessen in all den Jahren. Ein rascher Schlaf, gefolgt von Kaffee am Morgen und ein bisschen Musik und wir gehen und laufen draußen in Sonnenlicht und Nachbarschaftskriege, in die viel Energie gelegt wird. Ich erinnere mich. Zurück in die Stadt über die Autobahn und hier passiert so vieles nur mit dem Auto. Ich bin nicht ganz hungrig und auch nicht ganz satt, als wir durch die Türe gehen mit all den Tischen und Kisten und Schallplatten darin und wir suchen immer etwas Bestimmtes und lassen uns aber auch gerne überraschen. Durchkramen hunderte Platten, das Gefühl der Schutzhüllen an den Fingern, und ziehen endlich doch etwas raus und noch etwas und noch etwas und dann: handeln und zahlen und gehen und nach Hause tragen und wir reden darüber und rechnen noch einmal nach. Den Zug erwische ich nur knapp und setze mich und ziehe die Preisschilder ab und setze die Kopfhörer auf und sehe aus dem Fenster. Der alte Mann neben mit mit der Farplanauskunft in der Hand. Die Knie schmerzen nach kurzer Zeit und der Magen und die Luft zirkuliert nicht gut und die Jugendlichen um mich mit ihren Klingeltönen zirkulieren gar nicht, sondern bleiben. Noch einmal kurz U-Bahn und dann zuhause, die Fenster aufreißen und umziehen und die Nadel fallen lassen auf die langersehnte Spur. Durch das Fenster scheint die Sonne, der Balkon ist ganz warm.
Gegenden verändern sich kaum, nur der Blick darauf.

1 Kommentar:

  1. du schreibst unglaublich schön. habe deinen text mir vorhin selbst laut vorgelesen, und habe festgestellt, dass es wunderbar klingt. so rhytmisch.

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