06.09.2010

Aufkleber.

Auf einmal haben wir nicht mehr genug. Tragen zu wenig und frieren und zittern ein bisschen, obwohl die Sonne scheint auf uns und auf die Dächer der Häuser und die Vögel auf den Leitungen über den Gleisen. Ich wollte Bilder machen von den Scharen an kleinen schwarzen fliegenden Dingern und habe es nie hinbekommen, zu diesen Uhrzeiten. So früh am Morgen nur konzentriert auf die Schritte und auf die kalten Füße auf Bahngleisen und auf die Menschen um einen und das Zeitungsgeraschel. Verstohlenes Zubodensehen und Platzeinnehmen und wir alle haben Ellenbogen und wir alle haben Knie und dann fuhr ich immer wieder vorbei an den Leitungen und an den Vögeln und habe sie nie festhalten können und sie auch schon fast vergessen an den meisten Tagen.
Suche jetzt nach Zeit und setze mich kaum hin und sehe nur Farben und Haarsträhnen und Schuhe im Augenwinkel, da stehe ich schon wieder auf und schlage die Seiten ineinander und die Wörter und Sätze verschwimmen in dem Papier und dann in der Tasche und wiegen schwer auf dem Weg durch die Sonne und den Wind. Widerspenstige Frisuren und bekannte Gesichter und unbekannte Gesichter und Motorengeräsche: Baustellen an jeder Ecke, ein paar Busse und ein alter Mann steht gebückt vor einem Restaurant hinter einem jüngeren Paar, die eine Speisekarte ansehen am Nachmittag, und wartet scheinbar nur auf deren Entscheidung und ist wie ein Haustier, das folgt und hört und brav wartet, bei Fuß, die Hände hinter dem Rücken verschränkt mit seiner hellbraunen Jacke, die mir so bekannt vorkommt. An den Wänden sammeln sich Bierflaschen und Aufkleber hängen über Plakaten und Plakate hängen über anderen Plakaten und ich höre nichts wegen der Geräuschkulisse um meine Ohren, sehe aber Gesichter lachen und Beine übereinander schlagen und Kaffee dampfen aus Tassen in Händen und irgendwo tütelt jemand die Ausscheidungen seines Hundes ein und wirft sie in einen silbernen Eimer am Straßenrand.
Am Abend eine Gruppe Jugendlicher, die den Gehsteig einnimmt und nur aus dem Weg geht, um mir hinterherzusehen und ich rühre unwohl keine Mine und gehe einfach hindurch und sitze dann in Gesellschaft draußen und stehe kurz darauf in Gesellschaft drinnen, in gleicher Montur. Regeln und Richtlinien und Vergleiche und Beschwichtigungen sowie Konfrontationen. Ein gewohntes Beisammensein und Kennenlernen und Meinungbilden. Wir meißeln in Stein jeden Satz und suchen nach Eindrücken auf dem Weg durch die Nacht mit dem Blick kaum geradeaus, immer links oder rechts oder hoch oder runter und manchmal: da stehen Sachen auf dem Boden oder liegen da einfach und man muss nur hinsehen im richtigen Moment und alles ist gut.
Früher ging ich einfach nach draußen und aß Beeren und Äpfel und Kirschen und pflückte mir, was ich wollte und grub ein bisschen und hatte dann Erde an den Fingern in den kleinen Linien, die rauher und tiefer wurden mit den Jahren, und roch das Holz überall um mich und den Rasen. Die Beeren tauschte ich ein gegen Menschen und die Äpfel und die Kirschen und die Erde gegen weitere Menschen und das Holz gegen Asphalt und geölte Schienen, die ineinander greifen und auseinander führen und glänzen im Licht des Nachmittags. Manchmal laufe ich den Schienen und den Lichtern hinterher und achte auf nichts und manchmal stehe ich am Straßenrand und halte Ausschau nach zwei Menschen, die ihre Hände halten und manchmal sitze ich nur da und höre solange zu, bis mir die Ohren weh tun und dann der Kopf und gehe dann schlafen, weil es längst nicht mehr Nachmittag ist und morgen schon wieder ein Morgen ist.
Und dabei gibt es Tage und Stunden und Momente, die sollten nie enden. Und ich denke wieder ans Festhalten und dann aber plötzlich: ans Mitgehen.

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