20.08.2010

serendipity.

Am Flughafen stehend sehe ich einem Mann beim Einwickeln von Koffern zu. Der Kunde lässt jeden seiner sieben Koffer von Folie umwickeln und hievt sie auf einen riesigen Trolli. Ich trinke einen halben Liter Kaffee und sehe auf die Anzeigentafel und überlege, einfach weg zu gehen. Geplantes Verschwinden versus spontanes Abhandenkommen. Ich setze Kopfhörer auf und in meinem Kalender vermerke ich wenige Zeilen zum Thema Flughafenkontrolle und Personalausweis. Mein Stift hat kaum mehr Tinte.

Und dann (schüttet sich das Laub erst einmal aus und spaziert der Wind durch die Gassen und schüttelt an Haaren und Händen): setzen wir die Kopfhörer ab für einen kurzen Moment und hören hin und hören nicht nur Sirenen und nicht nur Schreie und Streitereien und Autos und Hupen und Klingeln von Straßenbahnen. Vielleicht lacht ein Kind irgendwo oder flüstert seiner Mutter etwas ins Ohr oder seinem Vater und irgendwo plätschert Wasser und irgendwo umarmen sich zwei Menschen und klopfen sich auf die Schulter oder den Rücken oder berühren sich im Haar. Buchseiten werden umgeschlagen und jemand gähnt und steht auf und Wassertropfen prasseln aus einer Dusche irgendwo. Vielleicht ist ein Vogel auf einem Dach und vielleicht sind ein paar Hunde auf den Straßen und vielleicht drehen wir uns noch einmal um und schlafen am Morgen wieder ein zu den Geräuschen vor dem Fenster. Auch ein Lächeln kann man hören und an manchen Tagen ist die Stille lauter als das Rauschen im Kopf und wir setzen Kaffee auf und atmen tief ein und aus und begegnen später vielleicht einem oder mehreren Bekannten auf der Straße und setzen uns zusammen oder laufen mit einem Gruß weiter. Wir nehmen uns nichts vor und gehen einfach.
Ein junger Italiener spricht gebrochen jeden Fahrgast an, ob der sich auskenne: er suche Mädchen an Universitäten. Beim Aussteigen vergesse ich mein Sweatshirt und merke es erst später in einer kurzen Unterhaltung und der Heimweg ist kalt mit all den kleinen Haaren auf den Armen und den dünnen Schuhen und der Umhängetasche. Alle stehen sie um die Gepäckausgabe und sehen den Koffern nach und den Taschen und beugen sich gelegentlich vor und greifen nach etwas und lassen es liegen und weiter fahren. Wir stehen uns Knie in den Bauch und Fußballen wund und wollen eigentlich nur ein Sandwich kaufen in der Schlange im Supermarkt und warten darauf, unser Kleingeld abzuzählen. Wir sind ganz durchnässt vom Durchdenregenlaufen und trocknen ab an der Bar und halten uns fest an einem kleinen Tisch und einem Glas und bekommen Teller vorgesetzt ohne zu bestellen und zu zahlen. Wir stolpern auf leopardenfarbenen Teppichen in rote Sessel und starren auf eine Leinwand und fahren Taxi durch die Nacht und am Tag nur Bus oder gar nichts. In kleinen Räumen mit Lichterketten und zwei unentschlossenen Männern mit zu engen Jacketts hinter einem Plattenteller, wir mit Stöpseln in den Ohren und sich bewegenden Füßen in kleinem Publikum oder an großen Tischen in weitläufigen rustikalen Räumlichkeiten mit Lärm und am Boden sitzenden Musikern und sich die Ohren zuhaltenden Frauen und belgischem Bier. Lange Heimwege mit verkleideten Jugendlichen, auf Bushäuschen kletternd, und Streifenwagen, kurz langsamer werdend auf den Straßen daneben. Im Bus auf dem Platz neben mir sitzt der Mörder aus Wes Cravens Scream mit einem iPod Touch in der Hand: Guns'n'Roses Live Videos. Wir ziehen kleine runde Aufkleber mit Nummern darauf und gehen Treppen nach oben in ein Zimmer wie eine Lagerhalle und sind nur noch Nummern, die an der Bar zu trinken bestellen und spenden dafür. Ein Mann singt auf der Rolltreppe zur Ubahn sehr laut und erstaunlich gut und hört auf, unten angekommen. Ein anderer sitzt auf der Straße und scharrt binnen Sekunden Zuhörer um sich; das Geld klirrt beim Einwerfen in seine Dose und wir nehmen nur das mit und ein Bild davon. Nicht mehr.

Ich verlasse die Anzeigetafel und gehe zur Bahn und setze mich in die Bahn und fahre am Abend nach Hause und wundere mich über die kurzen Wege am einen und die langen Wege am anderen Tag.


Dank an: Timo.

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