26.07.2010

Ringelsocken.

Wenn wir wollen und nicht können und dann merken: wir sind es selbst, die verantwortlich sind. Denn: wir sind es immer selbst. Es gibt keinen Schweinehund. Wir sind das Schwein und wir sind der Hund und wir stolpern ineinander und brechen zusammen zusammen und symbiotisch behindern wir uns im Sein und im Handeln und das einzige Auf und Ab ist das Schlagen unseres Herzens und das Pochen in den Köpfen und der Tag und die Nacht und das Wetter. Wir schreiben Briefe mit Tränen darauf oder Rotwein oder Bier oder Spucke, die uns zusammen läuft bei den Gedanken und Gefühlen den ganzen Tag. Wir testen die Wasserdichte unserer Ringelsocken und tanzen in Pfützen, um nicht mehr so alt zu sein und besuchen Hochzeiten am nächsten Tag und stoßen an auf das Brautpaar und trinken schon wieder selbst und holen nicht mehr die nächste Flasche aus dem Keller für den Vater oder den Onkel oder den Großvater. Die Kindeshände, die versuchen, Kronkorken zu lösen, um gut dazustehen und dann neues Griffband an den neuen Schläger und schlagen und laufen und auf dem Sand rutschen und gelbe Bälle anschneiden geschickt in die Ecken und eine große Hand auf der Schulter und auf den Haaren und: Anerkennung. Die Kindeshände sind plötzlich faltig geworden und rauh und müde und lösen jetzt Kronkorken mit Feuerzeugen oder Skateboardachsen oder Schlüsseln oder was sonst noch zur Hand ist.
Die Schrift verändert sich auf den karierten Blättern und die Bilder sind anders und der Haarschnitt variiert und nur die Geschichte bleibt gleich. Da stehen die Zeilen, die uns gemacht haben undoder haben werden lassen und der ganze Erfolg und Verlust, durch den wir einfach blättern wie durch Kisten voller Schallplatten, bis wir die Läden auswendig kennen und nur noch kommen, um uns auszutauschen über damals und diesseits. Wir träumen den ganzen Tag und vergessen je nach Ausgang der kleinen Geschichten nur Gutes oder nur Schlechtes und entstehen also aus unserer Verdrängung oder Wertschätzung von Dingen.
Manchmal lässt sich schon in einem Satz der Verfall feststellen, von Buchstabe zu Buchstabe und respektiv stoßen wir an selbst errichtete Wände und trampeln dagegen mit den Füßen und Knien und werfen Flaschen und schlagen mit Hämmern darauf ein und mit Fäusten und versuchen, zu klettern und bluten an vielen Stellen und kommen schmutzig nach Hause und brechen uns Knochen in Armen und Fingern und Nasen. Auf der Suche nach Gefühlen wandert der eine durch Betten und der andere durch Horden von Türstehern und manch einer sieht gar keinen Weg mehr und wir bleiben zurück mit eigenen Erfahrungen oder den fremden und versuchen, sie zu verarbeiten in uns und sie nicht zu verdrängen beziehungsweise zu vergessen, während andere nur vergessen und verdrängen wollen, um irgendwie weiter zu machen und nicht zurückzublicken. Und was ist zu sehen beim Zurückblicken: Steinige Wege durch Waldstücke und über mit Steinen abgegrenzte Grillplätze und die immer gleiche Aussicht mit den immer gleichen Leuten und ein Festhalten an Alltäglichkeiten. Und heute treffen wir uns alle wieder im Internet und diskutieren über alles außer damals. Pflastern das Fundament unserer Häuser mit Erinnerungsfetzen und Übrigbleibseln in Kartons auf dem Dachboden oder im Keller. Karren alles in Lastwagen und mit uns herum, wohin wir auch gehen und wohin es uns auch zieht. Auf Veranstaltungen tanzen wir eng umschlungen mit unserer Unsicherheit und suchen nach Händen und Gesprächsfetzen und Lächeln. Halten uns an Tischkanten fest und an Stuhllehnen und versuchen zu erkennen, ob es regnet draußen oder nur unsere Brillengläser schmutzig sind.
Draußen streichelt Wind durch die Zweige der Bäume vor der weißen Wand und bei jedem Wetter bestellte mein Großvater sich immer ein Weizen und saß dann da und nahm das Glas in die Hand und zitterte und nahm einen kleinen Schluck und hielt es dann weiter fest, als er es bereits wieder abgesetzt hatte. Er lächelte oder versuchte es und sagte, es sei zu kalt. Wir zerfallen wie Brot und können es nicht ändern. Wachsen zurück in eine Kindheit, in der man nur Hände halten will und an nichts sonst mehr denken möchte und liegen da und warten jede Stunde auf die nächste Stunde und sind einsam. Alles was wir haben ist flüchtig. Und wir flüchten vor unserer Angst vor Einsamkeit und vor unserer Angst, nicht mehr denken zu können und nicht mehr laufen zu können und nicht mehr sein zu können: Wir rennen so schnell wir können und springen durch Pfützen und es ist uns egal, wie nass wir sind oder werden und vielleicht sind wir nicht einsam für einen kurzen Moment, mit den Ringelsocken bis zu den Knien gezogen.

Kommentare:

  1. gut!
    (gut schwebt laufwarm durch die luft, ich weiß, doch bin ich zu müde etwas greifbares zu schreiben...)

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  2. ich finde: gut ist immer noch gut.
    danke!

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