13.07.2010

Kondenswasser.

Es überrascht mich, was passiert. Wie Häuser auf und nieder gerissen werden und Sonnenstrahlen noch auf die brüchigen Fassaden knallen und wie Menschen händchenhaltend vorüber gehen und sich austauschen über Auszüge aus dem Big Brother Haus. Vor einer Bar ragt jeden Morgen eine Pfütze von der Türe bis zum Gehsteig und im Inneren sitzen wenige vereinzelte Herrschaften und halten sich an Gläsern und Tischkanten fest. In den Trambahnen sehen Menschen aus den Fenstern und aneinander vorbei und stehen frühzeitig auf und drücken den roten Knopf und warten auf den Halt. Maßlose Anerkennung wird preisgegeben und Popularität zum Politikum umfunktioniert. Hohe Tiere unterscheiden nicht mehr zwischen Aufgabenverteilung und Populismus und die breite Masse hakt blind Kästchen ab und schaut dann wieder in den Fernseher. Schicksale in Büchern sammeln sich in den Ecken und Staubwischen nicht vergessen beziehungsweise: abspülen. Wir haben Muskelkater vom Laufen und Heben und Schweißflecken am Rücken und: Eine Hand wäscht die andere. Irgendwo spielen zwei Kinder Fußball und argumentieren über altmodische und nicht mehr aktuelle Trikots ihrer Helden und ziehen Bälle unter Autos heraus und lachen und wir sitzen in Stühlen vor Tischen und Computern und Internet und kaufen ein und wetten und reden und die Vorhänge sind zu. Haut klebt auf Haut und Luft wie ein Teppich auf den Frisuren. Nackte Haut schleift sich an Seen und an Flüsse und überall leere Bierflaschen und verbogene Kronkorken und bare Füße und das Schmatzen der Flip Flops and den Sohlen. Steine fallen ins Wasser und werden hinein geworfen und ein abgenagter Apfel schwimmt vorbei. Ein Vater ertrinkt und ein Kanufahrer vollzieht ein paar Eskimorollen. Das Kondenswasser einer eiskalten Colaflasche läuft über meine Finger und der Stuhl knarrt auf meinem Balkon. Die Milch im Kühlschrank ist sauer und Kaffee schmeckt nicht mehr und wir arbeiten, um zu sparen und dann auszugeben und von irgendetwas müssen wir ja leben in dieser Zeit.

Kommentare:

  1. das ist so wunderschön.

    ein wenig so wie das wetterleuchten gestern. blitze mit der kamera festgehalten - auf langzeitbelichtung.

    viele blitze. eine stimmung. ein ausschnitt.

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  2. vielen dank!
    welch vergleich. ein viel zu schöner.

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  3. Was Du schreibst, ist so sehr viel näher am Leben, als alles, was ich letzte Woche in der Schule gelernt habe.
    Schöne Grüße aus der Heimatstadt.

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  4. ich danke dir, tabea.
    das ist mehr als nur ein kompliment für mich.

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