12.06.2010

Parallelitäten.

Sitzen und Sehen und Menschen Beobachten, die Wein in Pappbecher schütten und sich auf den Tisch legen, so halb. Alle auf der Straße und dennoch mit einer gewissen Ruhe angesichts der Ereignislosigkeit. In einer Ecke werden Flaschen gegen Wände geschleudert und Kalksteinklinker zerbrechen am Aspahlt. Wind fegt die Hitze aus den Augen und Haaren und wirbelt Staub auf und anderen Kram, der sich gesammelt hat in den Ritzen der Stadt. Meine Hände zittern am Morgen und meine Beine schwitzen am Rest des Tages und überhaupt: Das ist doch kein Wetter. Wir verlaufen uns mit den Taschen um die Schultern und den Blasen an den Füßen und suchen nach Gelegenheiten. Wir sind jeden Tag die gleichen und egal, wo wir sind, wir freuen uns über Zeichen von Menschen, die uns etwas bedeuten. Spielt keine Rolle, wo man ist und wo man sein sollte und was man tun sollte und wie lange. Solange wir uns (in)einander umher tragen und erinnern.
Auf diversen Plakaten wird auf Rücksicht und Hilfsbereitschaft hingewiesen und das auf eine schamlose und ziemlich kompromisslose Art und Weise. Mit den Augen den liegenden Körper suchen und da liegt ein Kind im Sand auf dem Bauch: wie tot. Und all die Hektik beziehungsweise all der Trubel, der sich ereignet, fliegt ein Helikopter über den Fluss und über die Köpfe und wir wissen gar nicht, was da vorgeht und bleiben aber trotzdem oder deshalb erst mal stehen. Sachen geschehen immer und überall und jeden Tag und viel zu viel. Aber teilhaben daran beziehungsweise mittendrin zu sitzen und es gar nicht merken: Der Wald vor lauter Bäumen. Die Distanz und die Bildgewalt und die Vielfalt am nächsten Tag. Die Einsicht und die Erläuterung der Geschehnisse im Fernsehen oder in der Zeitung. Und während man da steht noch gestern und also mittendrin unter den anderen, die sich etwas unsicher miteinander unterhalten und verlegen Hunde streicheln und Fahrräder aus den Weg rollen, und man so wartet auf ein Lüften der Tatsachen, da entgeht dem echten Auge alles. Keine Blickwinkeloptionen und keine ein und ausblendendbaren Kommentare. Wir wissen nicht, was so passiert.

Im Zug sitzen und Gespräche über sich ergehen lassen. Da wird laut gesprochen und laut gelacht und laut in Telefone gerufen und ein Mann isst Jagdwurst mit einem Messer aus einer Dose. Eine asiatische Frau würgt schmatzend Süßigkeiten runter und mein Sitznachbar zeichnet sich seit Stunden nur noch durch die Anwesenheit seiner Schuhe unter dem Sitz aus. Sitzt irgendwo und konversiert und spielt Karten und der Durchgangsverkehr steigt im Zwischenabteil über die Füße der Beteiligten und über die Karten und die Hände. Ein stetes Ablenken durch Worte und Lachen und manche schlafen. Ich verwechsle viele Geräusche mit Regen: Wie Schritte vor dem Fenster zum Beispiel und das Klappern eines Fahrradschutzbleches, manchmal reicht schon das Rauschen der Blätter in den Baumkronen und ich kann nicht genau sagen, wie ich mich fühle. Suche unabhängig von meinem Aufenthaltsort nach einem Heimatbegriff und will überall gleichzeitig sein. Alte Zeiten mischen sich mit neuen und Wohnorte mischen sich mit Freunden und Bekannten und kleinen Portionen von Unterhaltungen und Besichtigungen und Reibungen. Nicht einmal Parks sehen überall gleich aus, und dennoch: sieht alles gleich aus. Ich brauche neue Brillengläser, um Unterschiede wahrzunehmen und zu erkennen und vielleicht zu deuten in der Bedeutungsschwere unserer Kultur.
Was sagt dein Wohnort über dich und dein Verhalten dort und was sagt dein Reiseziel über dich und die Bilder, du die machst mit deiner Kamera. Welche Straßen durchgehst du und schlenderst du dabei oder rennst du oder sitzt du in Ubahnen oder in Taxis oder in Bussen. Wann stehst du morgens auf und wieviel Tag nutzt du wofür. Ein Ticken an der Wand und ein Zugplan am Bahnhof und Geschehnisse, die alles bewegen und allen Regeln entsagen: Wie Anpfiffe nach so strikten Vorgaben funktionieren und außenrum außerhalb des Rasens das Gegenteil eintritt und wie Traurigkeit und Hoffnung und Liebe und Glück so strikt nebeneinander herlaufen. Es gibt immer alles parallel und Momente machen uns aufmerksam darauf oder lassen uns unaufmerksam einfach wahrnehmen, wie niemals nur ein Gefühl auf einmal regiert. Wir sind mehr als nur eine Emotion und mehr als nur eine Entscheidung und mehr als nur ein Gedanke. Wir sind mehr als unser Heimatort und mehr als unsere Familie und mehr als unsere Freunde und mehr als der Ort, an dem wir uns befinden. Wir sind mehr als wir denken.

Kommentare:

  1. Ich habe seit langen nichts so... echtes gelesen. Das Rauschen ist in meinem Kopf, die Suche nach Heimat in meinem Herzen. Ich danke dir für diese wahre Impression. Ich danke dir für dein Schreiben.

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  2. oh. ich danke dir für diese schönen worte und für deine aufmerksamkeit. ich freue mich sehr, dass es dir gefällt.

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  3. Erinnert mich an irgendwas, ja doch.
    So schöne Worte.

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