15.06.2010

Helden.

Es sind die Wiederholungen. Überall und an jeder Ecke: Ob nun eine aufgehaltene Hand oder eine Hand mit einem alten verbeulten Kaffeebecher darin, hingehalten wird sie und angesehen wird man manchmal und angesprochen gelegentlich. Pfützen neben den Füßen oder heißer Asphalt und klebende Schuhsohlen und Kniekehlen und Sonnenstrahlen oder Laternenstrahlen oder ein leuchtender Himmel von elektrischem Licht über unseren Köpfen, zu Boden gerichtet und vor Scham vielleicht mit geschlossenen Augen. Schlafen in Trambahnen und hin und her wippen im Berufsverkehr mit Fahnen an den Lippen oder Fahnen in den Händen und Schals umhängen bei egal welchem Wetter zu der Fußballzeit. Eine einrasierte Deutschlandflagge am Hinterkopf eines Mannes und die BILD Zeitung in seiner Hand. Weiße Ohrenstöpsel in jedem dritten Ohr und reger Durchgang auf den Einkaufsstraßen. Am Telefon die gleichen Menschen mit den gleichen Problemen und wir alle haben Hunger jeden Tag immer wieder und Durst und wir essen und trinken und reden und planen und wollen tun und erreichen und haben Ideen und lassen sie wieder versacken im Alltag während wir im Supermarkt stehen und Bioprodukte kaufen, um wenigstens etwas zu tun für unsere Welt. Wir sprechen über das Wetter und über Urlaubsziele und Hotels und Sehenswürdigkeiten und beschweren uns über das Wetter und über Kellner und über Mitmenschen, weil sie einfach zu laut sind oder zu leise oder zu aufdringlich oder zu zurückhaltend oder zu schön oder zu hässlich. Verstehen nicht mehr, was passiert im Krieg und in der Politik und in den Nachbarhäusern und in den Kaufhäusern und kommen ja kaum mehr hinterher bei all der Entwicklung und sehen etwas und wollen es haben und konsumieren und arbeiten dafür und verbingen Zeit mit uns unbegreiflichen Dingen und Menschen, um uns unbegreifliche Dinge zu kaufen (oder Menschen). Sind ja auch immer triebgesteuert und machtfanatisch und wollen siegen und erobern. Sei es nun ein Fußballfeld oder eine Monarchie oder eine Anarchie oder eine Demokratie oder eine Frau oder einen Mann oder einen Arbeitsplatz oder einen Kindertagesstättenplatz in dieser Zeit. Alles ist rar und wir verbrauchen und verbrauchen. Klopapierrollen und Fleisch und Wasser und Öl. Stopfen alles rein in die Einkaufstasche kurz vor dem Feiertag. Wir sparen, steht dann auf den Packungen und meint: Du zahlst etwas mehr Geld für nochmal etwas mehr Ware, die du eigentlich nicht willst. Greif zu. Nutze die Gunst der Stunde: Wir sind alle in Geberlaune und brauchen Flachbildfernseher und HDTV und Spielekonsolen und neue Schuhe und Schmuck und Urlaub und Autos und Steuerberater. Und: Statussymbole.
Wir sind gefährlich in unserer Gier und Unachtsamkeit und die Demokratie wackelt wie der Mann in der Tram, betrunken ist sie und hatte gute Laune und es dann übertrieben und hat das nun davon und am Besten, man äußert sich nicht zu den Wahrheiten. Da muss nur jemand kommen, der Revolution verspricht und alle sind da. Zusammenhalt und ein kollektives Brüllen auf der Straße angesichts etwas, dass wir nicht geleistet haben. Ein Bejubeln von anderen, eine Projektion von der Sehnsucht nach Erfolg und ein Klatschen in einem vollen Raum, das der Empfänger nie hört. Ins Zeug legen für Bedeutungsloses; eine Flucht vor dem Jetzt und hier hinein in den Bildschirm und hinein in die Freunde und den Wahnsinn, der so passiert und der uns so lächeln lässt und Glück fühlen lässt und: so schön, so ein Ausnahmezustand. Ausnahmen brauchen wir, wie Hitzefrei oder Schneefrei oder Wochenende oder Urlaub. Ein stetes Flüchten vor dem, was da ist und vor dem, was wir haben. Der Feind Alltag und der Feind Langeweile und der Feind Wir selbst. Ablenken. Nicht anstrengen. Und da rieselt es Floskeln und es ist wie ein Guten Morgen oder ein Schlaf gut oder ein Guten Appetit oder Gesundheit nur noch Höflichkeit und Unachtsamkeit gegenüber der Worte und unser ganzer Tag avanciert zu Trance und das Telefon klingelt, egal, wo man ist und man telefoniert, egal wo man ist, und liest Nachrichten und schreibt Nachrichten und tauscht sich aus ununterbrochen, egal, wo man ist. Kauen mit offenem Mund. Wir wollen Aufmerksamkeit oder gut sein oder wirken. Wollen uns ausdrücken und eine Haltung darstellen und stemmen die Hände in die Hüften oder schlagen Beine übereinander oder kauen Kaugummi mit offenem Mund und schmatzen und lachen laut und haben ein Kettchen um den Hals und ein frisch gewaschenes Auto oder das Gegenteil. Sind nicht nur in unserem Kopf, sondern vielmehr außerhalb. Wir sind nur noch die Meinung der anderen.
Straßenschlachten in hochaufgelösten Bildern und eine Trage wird weggetragen und Blut an dem Tuch über dem Bauch. Der Himmel leuchtet und parallel sprechen Menschen über Nachbarschaftskriege (Zäune und Bäume und Kram) und über ungewollte jugendliche Schwangerschaften und über Homosexualität im Fußball und über Rücktritte und Feigheit und Missverständnis und Vergewaltigung von Wehrlosen und über Zufluchtsorte und einem Glauben und einen Glauben an eine Sache und über Leistung und Geld und Verfall von Werten und Ressourcen. Schuldzuweisungen und Bekenntnisse und Ausreden und neue Vorwürfe. Zeitungen füllen sich mit Buchstaben und es sind immer die gleichen und nur die Anordnung variiert noch in schönen seltenen Fällen. Drucken und Senden von Information im Wiederholungsmodus: Eine Weiterleitung von Worten und Geschehnissen. Wir sind alle vernetzt. Wir wollen Erfolg und wir fördern ihn und wenn wir ihn nicht haben, dann verbarrikadieren wir ihn und setzen Verträge auf und schließen Verträge ab und haben also Erfolg am Erfolg der Erfolgreichen. Wir schaffen Helden und Heldinnen und wachsen und werden größer und mächtiger und mit uns der Graben zwischen Mensch und Mensch und Hautfarbe und Hautfarbe und Kapital und Kapital. Hunger gegen Steuersätze. Kleinkriege und Kriege und Namensfindungen und Untersuchungen und Auseinandersetzungen und Behandlungen von Thematiken. Und wir lesen und wir malen und wir reden und versuchen irgendwie, die Diskrepanz zu definieren und zu überwinden und können aber nicht aus unserer Haut. Wir haben nur eine Spezies und nur unsere eine Menschlichkeit. Und menschlich ist so ganz und gar nicht gleich heldenhaft.

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