21.04.2010

Leisten.

Es gibt kaum etwas, was wertvoller ist, als beliebt zu sein, sagt Martin Lindner im Interview mit dem Freitag am 16.04.2010.

Und mir fallen Werte auseinander, zerspringen in meinen Händen und im Brustkorb sowieso und mein Herz schlägt schneller und meine Augen tränen. Wir haben keine Ruhe mehr und kämpfen nur und setzen Ziele und Marken und müssen Erreichen und Erreichen und Erreichen und Kinder gehen zum Psychologen und Erwachsene gehen zum Psychologen und wir bekommen ja auch keine Rente mehr. Leisten und Verdienen und Sparen und Kaufen um zu besitzen und uns auszudrücken durch das, was wir tun und durch das, was wir haben. Nicht durch das, was wir sind.

Und ich weigere mich, das Vertrauen aufzugeben in eine Gesellschaft, die nicht leisten muss, um zu sein.

19.04.2010

muskelkrater

das kommt nun davon und von daher wohl verdient und ausgekostet
wir sind nicht mehr wie früher und werden es nicht mehr und leben
mit oder ohne dem was wir haben und wollen und bekommen können
du kannst nur weitermachen mit veweinten augen und ziehenden muskeln
im rücken und oberschenkel und an den schläfen
es ist ein stehen und fallen und ein springen über kleffende lücken
die wir zu füllen versuchen mit zumessenzwingen und mehrtrinken
und manchmal ein blick in den spiegel und so oft eins der beiden gefühle
unantastbar und dann wieder: gehts noch und wir hieven uns über
badewannenränder und bettkanten und flaschenhälse

ein wenig struktur bitte jetzt und achte auf deine worte und grammatik und mach keinen unsinn am tisch schön mit messer und gabel sittsam speisen und reden mit offenem mund nach dem kauen mit geschlossenem mund und steck den stift jetzt weg und das papier und zieh die ärmel zurück und nimm die mütze ab und sitz gerade und konzetrier dich auf das wesentliche hier und wie siehst du wieder aus überhaupt

stehen gerade da angelehnt und frieren ein bisschen und warten und starren
auf füße und asphalt und regentropfen überall
 
drinnen und draußen

16.04.2010

differenzierungsdefizite.

ihr brecht mir die finger. die so zittern den ganzen tag und gläser umwerfen und tassen. so sitze ich auf dem hocker und gucke einfach nur und tue nichts und kann mich nicht konzentrieren auf einen punkt. keine fixierung in den augen und kein fokus. ich weiß nicht: ist meine brille schmutzig oder ist da ein schleier vor meiner sicht und ich blättere durch die dünnen seiten vor mir und bekritzele die dicken seiten vor mir und habe bildschirme im kopf und also auf den schultern. ich habe mir schon einmal den finger gebrochen, mitten in der stadt, die es nicht gibt. (der gipshut war albern.)
das kribbeln hält nicht an in mir und die gespräche über werte und wertfreiheiten und wertvermittlung und die komplikationen der generationen und im umgang miteinander in vielleicht zu differenzierenden schichten von gesellschaften und leidensgenossen wandeln durch die gegend. da bröseln die differenzierungsdefizite dann durch meine wimpern und finger und fallen auf den boden wie kaffeetropfen neben den schuhen und ich mag einfach nicht oder: bin einfach nicht in der lage und alles sieht gleich aus hinter dem schleier, ob nun vor oder hinter der brille und wenigstens die eigene handschrift variiert noch von laune zu laune zu zustand zu umstand. von satz zu satz und dann ein absatz und eine seite leer und durchstreichen und ein bild malen und durschtreichen und durstreichen und duschteichen. die löcher in den ärmeln wachsen und an dem rücken und unter den achseln. wie die kleidung so auseinanderfällt über die jahre. so werden lieblingsstücke zu fetzen und das obwohl wir so richtig gar nicht mehr wachsen.

12.04.2010

knospen.

bitte: nimm deine hand aus deinem haar und steck deine hand in mein haar und mach ein bild von dem zaun da am rand und versuche festzuhalten wie kalt er sich anfühlt und wie grün er schimmert im herbstlicht und was er abgrenzt im frühling in den zeiten der freude und in den zeiten der herzen und in den zeiten von freiheit und wir wirbeln durch themen wie sandstürme und halten uns fest an den haaren und an den formen die wir kennen und können und hauswände so rauh wie die finger und haut so alt wie mauersteine zerbissen von schuld oder ungeduld oder dem nichtwissenwohin mit sich und entscheidungen und konsequenzen
bitte: streif deine hand an den abschabungen und am zerfall und bleib liegen ein bisschen oder ein bisschen länger und tanz mit den augen durch die regale und durch die mengen und durch die gehwege und zebrastreifen und nimm eine der frischen knospen da vom ast und reib sie zwischen daumen und mittelfinger und lass sie zergehen auf dem handballen und lass sie fallen und tust du es bis der baum kahl ist so bleibt zumindest ein weg zu dir übrig und schuh oder fußspuren im blätterteig
bitte: pass auf wo du hintrittst auf der suche nach mehr und
bitte: versteck dich nicht in blüten undoder ästen je nachdem welche farbe du trägst und
bitte: nimm dir zeit und kein handtuch und fang ein paar regentropfen ein

warm in den rillen der rauen haut.

Fetzen.

Erinnerungs und Gesprächsfetzen und eigentlich müsste ich dies tun und jenes und sitze aber nur unruhig auf der Holzbank und starre auf Rillen im Boden vor mir und um mich. Ein Fenster im Rücken und die Sonne in den Augen und Haaren und alles warm auf einmal. Am Wasser gebaute kleine Stege aus Stein und Steine allgemein und die Beine angezogen auf Seiten gucken, die reflektieren. Freundliche Menschen und unfreundliche Menschen und kalter Kaffee und ein Hund, der röchelt und Stöckchen holt, egal, wohin er geworfen wurde. Treu am Weg entlanggehend und ein Mann fällt sogar im Liegen um.
Es ist wie ein Sehtest: Auf einem Auge blind und dann scharf und schärfer und ganz unscharf und schon steht fest: neue Brille oder sonstwas und die Zeilen verschwimmen wie die Zeiten und Tage und Stunden und Minuten bis das Telephon vibriert und der Arm weh tut im Gelenk. Wir reden über Altes und Neues und ganz Neues. Reden über uns und andere und über Hypothesen und machen einen Schritt nach dem anderen, ob nun in der Sonne am Wasser oder im Wind an der Straße. Stehen in Reihen und Gliedern und berühren uns nicht und kommunizieren nur periphär. Ein Mann und eine Frau im Supermarkt: Sie mit Ohrstöpseln, er redet mit ihr. Mir wird gesagt, meine Kopfhörer seien unkommunikativ, weil nur ein Kopf dazwischen passt und ich denke nur: Ist das nicht der Sinn der Sache. Bekomme einen Kloß im Hals beim Gedanken an halbherzige Gesprächsfetzen mit minimaler Aufmerksamkeit und bekomme einen Kloß im Hals beim Gedanken an zu wichtige Gesprächsfetzen in Cafés und Restaurants. Weil so viel passiert. Abschiednehmen und Hallosagen und Schritte auf Asphalt.
Schwindel im Kopf und auf dem Tisch ohne Untersetzer. Wir reihen uns ein und rufen uns zu und verstehen nur die Fetzen. Nicht nur im Vorübergehen von kleinen Familien und großen Familien und Zweisamkeiten und Fußballfreunden und Kindergartengruppen. Werden selbst zu Fetzen und vervollkommnen die Zwischensilben nach eigenem Ermessen und denken (nach). Wir halten Hände beim Überdiestraßegehen und gehen in Paaren und geben Acht aufeinander. Denn: die Straßenbahnen klingeln zwar, aber halten werden sie nicht.

04.04.2010