26.02.2010

Sammellinse: Existentialismus

Alltägliche Wahrnehmungen, hervorgerufen durch eigenartige Abhandlung von ausgewählten und zufälligen Worten. Eine Kolumne zu Ungunsten der Definition.


Die Uhrzeiger rennen und es fängt an zu regnen und die Tropfen an der Scheibe rennen auch und ineinander und laufen dann zusammen bis nach unten, um zu zergehen
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Irgendwie:

Existentialismus


Mir tun die Finger weh und nicht nur an den Knöcheln und wenn ich so auf die Straße runter sehe oder das Licht innen anmache und mich also in der Fensterscheibe selber sehen kann, denke ich: Wie geht das nur. Da laufen sie vorbei und die Schritte sind bis zu mir zu hören und es klackt und klackt und klappt einfach und die bunten Mützen sind so schnell wieder um die Ecke, während ich da so stehe und starre und eine nach der andere rauche und eine Flasche aufmache mit einem Zischen und dabei rauche ich gar nicht. Der Tisch neben der oder vor der Couch hat schon überall Risse und Ringe, weil Untersetzer ja nie benutzt worden sind. Es ist wie es immer war: Untersetzer ist was für Eltern und Großeltern und nichts für Jetzt und Heute und Hier. Hier tanzt man einfach wild durch den Raum und stellt die Flasche ab, wo immer man sie gerade abstellen möchte oder muss, weil die Bewegungen zu schrill werden und die Musik zu laut und man beide Hände und Arme braucht, um mitzusingen oder mitzurufen oder mitzuschreien. Gitarren stampfen gegen die Wände und gegen die Decke und auf den Boden und der Teppich hat keinen Untersetzer gegen Rutschen und dreht sich unter den Füßen.
Draußen nur noch Straßenbeleuchtung und vielleicht stehe ich immer noch da und alles hat sich nur abgespielt wie Filmszenen in meinem Kopf oder wie Buchstaben in einem Buch oder wie Farben auf einem Bild und in einen einzigen Moment packen sich ganze Leben und noch mehr: Geschichten von Freude undoder Trauer und Liebesgeschichten und Todesgeschichten und Familienfeste und Triumphe aus Jugendjahren oder aus späteren Jahren. Passiert oder nie passiert oder noch nicht passiert. Es ist da, in der Scheibe, hinter der ein paar Stockwerke tiefer die bunten Mützen vorüber gehen mit ihren Schritten und mit ihren Händen in den Manteltaschen und die mit den Bierflaschen prosten sich zu und lachen laut und reden laut und sagen Dinge zueinander. Ein lesbisches Pärchen sitzt in einem Café und durchlebt in einer halben Stunde ganze Beziehungen: Vom Knutschen zum Lachen zum falschen Satz oder zur falschen Tonlage zum Schweigen zur Entschuldigung zum dezenten Stubs mit Lächeln zur Versöhnung zum Knutschen zum Gehen.
Die Uhrzeiger rennen und es fängt an zu regnen und die Tropfen an der Scheibe rennen auch und ineinander und laufen dann zusammen bis nach unten, um zu zergehen. Episoden überall und ich nehme einen Schluck und nehme die Schachtel Zigaretten und das Feuerzeug und ziehe eine Zigarette raus und stecke sie in den Mund und das Feuerzeug geht nicht. Ich habe einmal eine Wette gewonnen: Mach dein Zippo zehnmal nacheinander an. Wir sind geprägt von Szenen, die wir sehen und von denen wir hören und lieben es und reden darüber und machen es (nach). Das Feuerzeug flammte nicht auf, beim sechsten Versuch (oder so). Wisch dir niemals die Hände ab, wenn du dabei bist, eine Wette mit schweißnassen Händen zu gewinnen. Hör nicht gleich auf zu tanzen, nur weil dir schwindelig wird. Reiß den Teppich im Kreis mit deinen Füßen und schlage mit den Handknöcheln an die Wand, wenn dir danach ist. Am nächsten Tag wirst du dich nicht fragen: Warum tun meine Finger weh. Du wirst nur wissen: Meine Finger tun weh.

Es ist doch nicht wichtig, ob etwas die Wahrheit ist. Es ist doch nicht wichtig, ob etwas schon passiert ist, ob die Reihenfolge stimmt, ob etwas vor langer Zeit passiert ist, ob es noch passieren wird, morgen oder in einem Monat. Es ist doch nicht wichtig, ob etwas nie passieren wird, solange ich mir vorstellen kann, dass es passiert. Was ich mir nicht vorstellen kann, kann ich nachschlagen.
aus: Franziska Gerstenberg, Wie viel Vögel. Erzählungen © Schöffling & Co.,
Frankfurt am Main 2004