19.01.2010

Sammellinse: Surrealismus

Alltägliche Wahrnehmungen, hervorgerufen durch eigenartige Abhandlung von ausgewählten und zufälligen Worten. Eine Kolumne zu Ungunsten der Definition.


Das Knirschen.

Ein paar Worte zu:

Surrealismus


Wenn ich so durch den Schnee spaziere mit Mütze auf und Kapuze darüber und Schal um den Hals und den Händen vergraben in den Manteltaschen und also nur noch ein schwarzer Strich bin, falle ich noch immer nicht auf. Das Grau in Grau schluckt den Lärm und die Leute. Schluckt die Pendler und die öffentlichen Verkehrsmittel, die langsamer fahren und bremsen und weiter ausholen müssen. In Handschuhen wird es warm, aber die Zehen brauchen länger dazu. Die Schuhe sind auch nicht geeignet und es ist rutschig, sogar auf Balkonen. Gläser leer trinken hilft gegen Halsschmerzen und innere Kälte. Hat man mir gesagt und ich habe außerdem eine Flasche Wodka geschenkt bekommen und wache am Morgen auf bei geschlossenem Fenster und frischem Schnee in den Straßen. Ein Obdachloser lag eine Zeit lang vor meinem Haus. Aus einem Schacht entwich warme Luft, sein Platz war mit einer Decke ausgepolstert und frei von Schnee. Er war dick eingepackt und ging alle paar Stunden zu Tengelmann, kaufte Schokolade und setzte sich wieder. Kurz hat er gesungen oder geredet oder laut gedacht. In einer Fernsehsendung fällt der Satz: Der Mensch kann sprechen, weil er singen kann und nicht andersherum. Es sind Nebengeräusche und ich habe mich noch nicht an die Ruhe gewöhnt bei geschlossenem Fenster und an die Fußbodenheizung im Badezimmer. Günther Jauch sagte neulich: Das ist teuer. Aber: Es ist eben kalt.
Da fehlen noch Sachen, die man kaufen muss: Vielleicht macht ein Teppich wärmer und ist auf Dauer günstiger als Fußbodenheizung im Badezimmer. Oder Poster an der Wand oder Gespräche im Raum. Ich kenne mich nicht aus mit so was und weiß auch nicht, warum mein Bücherregal plötzlich nicht mehr gerade steht. Ich habe einen Zettel gefaltet bis es nicht mehr ging und ihn darunter gestopft. Das Regal war voll, ich konnte es fast nicht heben und stoße aber beim Vorbeilaufen regelmäßig auf irgendeine Lektüre und denke: Lies das (mal wieder). Vor kurzem habe ich eine CD gekauft für fünf Euro, die ich früher schon einmal anhörte und für verrückt befand. Es ist einfach zu sagen: Ich bereue nichts. Aber meist doch unwahr. Wenn auch nur auf Kleinkram bezogen.
Ich trinke zu wenig und zu viel Cola und esse mehrmals am Tag Fleisch. Seit gestern bin ich Mitglied in einer Videothek und denke an die Mitgliedschaften, die ich verloren oder weggeworfen habe und an Sparbücher, die nicht gekündigt sind, aber leer. Mir ist ein bisschen schwindelig und: Darf man Schokolade aus Adventskalendern noch nachträglich essen. Regeln aus Kindheitstagen: Geh raus, während das Christkind kommt und die Geschenke bringt. Rufen und Reingehen und die großen Geschenke und das Geschenkpapier und der Baum und die Musik und der Duft nach Plätzchen (glaube ich). Heute ist Weihnachten anders. Und andere Kinder schlafen reinen Gewissens ein am einunddreißigsten Dezember um Dreiundzwanzig Uhr dreißig und träumen vielleicht immer den selben Traum. Jemand schrie einmal: Träume sterben, wenn sie wahr werden. Ein anderer sagte (in etwa): Träume sind nicht aufschreibbar. Ein dritter versucht Charakterstudien an Traumdeutungen festzumachen, an Fetzen, die sich überschlagen und überdecken und widersprechen wie das Grau im Grau vor dem Fenster am späten Nachmittag.
 

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