29.01.2010

Spur.

Verschwinden im Nebel mitten auf der Straße und immer noch ein nicht loszulassender Gedanke: untergehen. Nicht im Wasser, nicht ertrinken, aber auch nicht in der Masse der Menschen in der U-Bahn und man kann ja gar nicht mehr raus gehen und nicht mehr weggehen und die Straßen entlanggehen, ohne auf Füße zu treten oder von Füßen getreten zu werden und ins Schwanken zu kommen. Die Luft ist schlecht. Tief einatmen vermeiden mit den Ellenbogen überall, nah an der Nase und nah an der Brille und so dicht am Mund. Alles so dicht am Mund überhaupt und wenn auch nur: der eigene Schal.
Tanzen gehen. Trinken gehen. Reden und Nachdenken und fixe Ideen ausdenken und Nachgehen und Sätze wiederholen sich wie Musik es auch tut. Wie sagte jemand mal: Es gibt eben nur ein begrenztes Spektrum an Noten. Und Worten. Und Meinungen, Fragezeichen. Ich bin nicht mehr sicher und routiere und kaufe die gleichen Produkte jede Woche und gehe die gleichen Wege jede Woche und trinke das gleiche Getränk jeden Tag. Streben nach Abwechslung und nach Außergewöhnlichkeit, aber: es sind ja auch die Menschen immer die gleichen. Darum nennt man sie ja Freunde. Und darum hat man sie ja und darum schätzt man sie ja: Sie sind da und erreichbar und all das. Gutaussehende Menschen überall sehen auch gleich aus. Schöne Gesichter und schöne Figuren und manchmal dann doch: wie außergewöhnlich eigentlich wirklich. Weil: Man kann sie vielleicht nichtmal mehr unterscheiden. Rennen Ansehnlichkeiten hinterher und gehen unter im Club, für den wir Eintritt zahlen, um die gleichen Lieder zu hören jede Woche.
Traurig die Nachrichten und die Zeitungen und die Einsamkeit und das Grauen das Grauen, über das alle schreiben und filmen und lesen und gucken. Lieber Lachen und Wirsein und Dasein und Tanzen. Sich bewegen und den Bauch flach halten und den Arsch in der Hose. Verlier den Arsch nicht und den guten Geschmack und das Ansehen und deine Helden! Die nichts dafür können, so wie auch keiner was dafür kann, gemocht zu werden oder bewundert zu werden und sich dem dann stellen muss oder soll. Leistungsdruck prügeln wir rein in uns selbst und unsere Nachkommen und in alle.
Ein Mann rennt an mir vorbei, rechts stehen, links gehen, die Rolltreppe runter. Stoppt dann hinter einer jungen Frau mit Kinderwagen, die ganz dreist den Platz einnimmt von rechts bis links. Der Mann drängt und drängt und hin und her und entscheidet sich: Quetscht sich vorbei an der Frau und vorbei an dem Kinderwagen und bleibt stecken und regt sich auf, fürchterlich und: was soll das und: Unverschämtheit und: Die S-Bahn verpasst und mir bricht das Herz und dann der Magen und was ich eigentlich tun will, ist kotzen. Stattdessen ein Schmunzeln aus Unverständlichkeit und weil mir nichts mehr einfällt sonst, als es lächerlich zu finden und unfassbar und also ungreifbar und so schamlos.
Es sind ja nicht die Nachrichten im Fernsehen. Abschalten geht nicht und wir haben ja nur einen von fünf Sinnen, den man einfach zu machen kann. Aber dann wird man doch nur wieder angerempelt. Im Zweifelsfall von einer Schönheit, die es gar nicht merkt und weitergeht und auch nur bei Schnee eine Fußspur zurücklässt.

19.01.2010

Sammellinse: Surrealismus

Alltägliche Wahrnehmungen, hervorgerufen durch eigenartige Abhandlung von ausgewählten und zufälligen Worten. Eine Kolumne zu Ungunsten der Definition.


Das Knirschen.

Ein paar Worte zu:

Surrealismus


Wenn ich so durch den Schnee spaziere mit Mütze auf und Kapuze darüber und Schal um den Hals und den Händen vergraben in den Manteltaschen und also nur noch ein schwarzer Strich bin, falle ich noch immer nicht auf. Das Grau in Grau schluckt den Lärm und die Leute. Schluckt die Pendler und die öffentlichen Verkehrsmittel, die langsamer fahren und bremsen und weiter ausholen müssen. In Handschuhen wird es warm, aber die Zehen brauchen länger dazu. Die Schuhe sind auch nicht geeignet und es ist rutschig, sogar auf Balkonen. Gläser leer trinken hilft gegen Halsschmerzen und innere Kälte. Hat man mir gesagt und ich habe außerdem eine Flasche Wodka geschenkt bekommen und wache am Morgen auf bei geschlossenem Fenster und frischem Schnee in den Straßen. Ein Obdachloser lag eine Zeit lang vor meinem Haus. Aus einem Schacht entwich warme Luft, sein Platz war mit einer Decke ausgepolstert und frei von Schnee. Er war dick eingepackt und ging alle paar Stunden zu Tengelmann, kaufte Schokolade und setzte sich wieder. Kurz hat er gesungen oder geredet oder laut gedacht. In einer Fernsehsendung fällt der Satz: Der Mensch kann sprechen, weil er singen kann und nicht andersherum. Es sind Nebengeräusche und ich habe mich noch nicht an die Ruhe gewöhnt bei geschlossenem Fenster und an die Fußbodenheizung im Badezimmer. Günther Jauch sagte neulich: Das ist teuer. Aber: Es ist eben kalt.
Da fehlen noch Sachen, die man kaufen muss: Vielleicht macht ein Teppich wärmer und ist auf Dauer günstiger als Fußbodenheizung im Badezimmer. Oder Poster an der Wand oder Gespräche im Raum. Ich kenne mich nicht aus mit so was und weiß auch nicht, warum mein Bücherregal plötzlich nicht mehr gerade steht. Ich habe einen Zettel gefaltet bis es nicht mehr ging und ihn darunter gestopft. Das Regal war voll, ich konnte es fast nicht heben und stoße aber beim Vorbeilaufen regelmäßig auf irgendeine Lektüre und denke: Lies das (mal wieder). Vor kurzem habe ich eine CD gekauft für fünf Euro, die ich früher schon einmal anhörte und für verrückt befand. Es ist einfach zu sagen: Ich bereue nichts. Aber meist doch unwahr. Wenn auch nur auf Kleinkram bezogen.
Ich trinke zu wenig und zu viel Cola und esse mehrmals am Tag Fleisch. Seit gestern bin ich Mitglied in einer Videothek und denke an die Mitgliedschaften, die ich verloren oder weggeworfen habe und an Sparbücher, die nicht gekündigt sind, aber leer. Mir ist ein bisschen schwindelig und: Darf man Schokolade aus Adventskalendern noch nachträglich essen. Regeln aus Kindheitstagen: Geh raus, während das Christkind kommt und die Geschenke bringt. Rufen und Reingehen und die großen Geschenke und das Geschenkpapier und der Baum und die Musik und der Duft nach Plätzchen (glaube ich). Heute ist Weihnachten anders. Und andere Kinder schlafen reinen Gewissens ein am einunddreißigsten Dezember um Dreiundzwanzig Uhr dreißig und träumen vielleicht immer den selben Traum. Jemand schrie einmal: Träume sterben, wenn sie wahr werden. Ein anderer sagte (in etwa): Träume sind nicht aufschreibbar. Ein dritter versucht Charakterstudien an Traumdeutungen festzumachen, an Fetzen, die sich überschlagen und überdecken und widersprechen wie das Grau im Grau vor dem Fenster am späten Nachmittag.
 

15.01.2010

Wolken.

Als sehe man zu, wie alles vorbeirauscht und zwar immer wieder. Wie ein Karussell, so schnell, das die Einzelheiten nicht mehr zu erkennen sind und man selbst dazwischen: Wie ferngesteuert. Ein Schritt vor den anderen und den letzten schon wieder vergessen. Etwas hinlegen irgendwo und es gar nicht merken. Vergessen, wie ein Satz aufhört oder anfängt oder was er zu bedeuten hat. Ein bisschen wie Nuscheln im Schlaf oder Aufwachen. Die Hand ins Karussell stecken wie in einen Ventilator. Man macht manchmal alles falsch und merkt es zur gleichen Zeit.
Verspricht sich und verdenkt sich auf dem Weg irgendwohin. Das Hirn als Trampelpfad oder als Schneegestöber. Nebel auf den Straßen und man sieht nichts mehr und Straßenlampen flimmern und verwischen wie auf Leinwänden. Und manchmal scheint gar keiner mehr greifbar; Menschen wie Wolken oder dieses bunte Süßkramessen in Tüten: Die kleinen farbigen Punkte, die zergehen wie Nichts und nichts hinterlassen danach. Eine Handvoll Nichts und kauen und schlucken und viel trinken am Tag und lang genug schlafen und außerdem: Rechnungen bezahlen. Ich vergesse Kennwörter und Pseudonyme. Das Internet ist voll davon und Viren, bewusst freigesetzt oder vielmehr: Dressiert. Es sind komische Tage und Kriege, die wir leben.
Aber wir leben. Immerhin.

13.01.2010

Halt.

Auflösung. Schnee auf Windschutzscheiben und die Zigaretten einer Freundin, vor ein paar Tagen in den Balkonschnee gesteckt und dann nicht mehr sichtbar gewesen und nun wieder da liegend, einfach so. Farbe in Kleidungsstücken und Waschmittel für schwarze Kleidung ist vielleicht dekadent aber auch: Ansichtssache.
Sachen kommen und gehen und manche schlänkern mit Armen und schlürfen die Füße auf dem Boden und sind laut und andere leise und kaum da. Gegen Langeweile Geld ausgeben, um nicht alleine zu sein. Draußen sein, um nicht alleine zu sein und da liegen auf der Couch oder im Bett und die Seiten umblättern und irgendwann merken: Man hat gar nichts verstanden undoder mitbekommen. Mitten in der Nacht klopft es irgendwo regelmäßig, in der Decke oder in der Wand oder im Boden. Träume holen uns ein und wecken auf. Viel trinken. Toilette. Vielleicht das Fenster auf, trotz Schneefall. Es gibt ja mehr als nur eine Decke und außerdem die heiße Dusche am Morgen. Dafür aber keine vernünftigen Schuhe und außerdem Matsch nach wenigen Tagen auf den Straßen und Gehwegen und Hauseingängen.
Straßenbahnen voller Menschen und U-Bahnen mit noch mehr Menschen und S-Bahnen, die sich ausleeren auf Bahnsteige und Treppen und Tunneldurchgänge und Blicke geradeaus oder auf die eigenen Füße. Ein leerer Kühlschrank und schwarzer Tee am Nachmittag. Da ist noch etwas Milch und die Flasche Wodka nur angetrunken an irgendeinem Abend der Woche. Pläne schmieden und nicht einhalten können und pünktlich sein (wollen) und unfreundliche beziehungsweise schon beinahe arrogante Verkäufer im Plattenladen. Servicewüste Deutschland, heißt es doch. Dabei: Ein Drängen der Bank und Versicherung und Telefongesellschaft auf Termine und Gespräche und Zeit oder sonstwas. Nur mal die Füße hochlegen und rauchen oder nicht rauchen und also nur sitzen oder liegen und vielleicht die Platte hören und sich abfinden müssen mit dem Gedanken: Es war einmal. Dinge kommen und gehen: Zeit und Rat und Menschen. Manches kann man vielleicht festhalten oder anhalten oder zumindest wahrnehmen. Schon deshalb keine Zeit für Termine. Mit Festhalten beschäftigt.