22.11.2009

Sammellinse: Autismus

Alltägliche Wahrnehmungen, hervorgerufen durch eigenartige Abhandlung von ausgewählten und zufälligen Worten. Eine Kolumne zu Ungunsten der Definition.


Zeilen teilen. Gerade erst aufgestanden irgendwie und ein paar Notizen gemacht. Das Netz ist so viel schneller als die Wolken, die am Himmel vorbeiziehen. Ich hätte Lust, die Satellitenschüssel vor meinem Fenster zu zerstören. Einfach so.

Denken wir nach über:

Autismus


Wir haben viel zu viel übrig für Bildschirme und Kram. Wie abhängig man von Geräten ist, merkt man aber (wie üblich) immer erst, wenn sie nicht mehr funktionieren. Was ja auch regelmäßig passiert. Bis dahin allerdings nutzen wir sie rege und verlieben uns in sie und wollen nicht mehr ohne sie sein. Telefone, Navigationsgeräte, Musikspieler, noch mehr Telefone, tragbare Spielkonsolen und natürlich Notebooks und Smartphones und was wir nicht alles mit uns rumschleppen zur Ablenkung von der Außenwelt.

Einmal habe ich einen Mann und eine Frau gesehen, die Hand in Hand durch die Bahnhofshalle liefen, beide Stöpsel im Ohr, aber einander Hände haltend. Als wären sie ineinander gelaufen und zufällig so hängen geblieben. Ich dachte auch kurz, dass die sich vielleicht gar nicht wahrnehmen. Besonders ins Auge stechen mir derzeit auch Jugendliche, die immer einen Stöpsel im Ohr tragen und sich gleichzeitig unterhalten. Man kann das ja als Multitasking abtun, aber durchaus auch als unaufmerksam oder gar unhöflich. Zwei Mädels saßen sich auch mal gegenüber und haben beide mit jeweils zwei Stöpseln Musik gehört und trotzdem unterhalten. Das lief dann ungefähr so, dass sie ununterbrochen die Stöpsel rausnehmen mussten, hä? fragen, kurz hinhören, kommentieren und die Stöpsel dann zurück stecken mussten. Ich habe zum Beispiel auch den Eindruck, dass Musik in Clubs immer lauter wird, sodass es schwerfällt, sich überhaupt noch zu unterhalten. Man wird ja quasi alleine gelassen auf der Tanzfläche oder an der Bar. Dabei fällt mir das schon viel beschriebene Handy Phänomen ein: Zwei sitzen am Tisch, einer geht kurz wohin, der andere zieht das Handy aus der Tasche. Natürlich hat das mit Kommunikation zu tun, man schreibt ja jemanden oder so. Aber sprechen tut man nicht. Wie in den Internetforen. Da hat man auch Freunde über Freunde und kennt manche vielleicht gar nicht und hat manche vielleicht noch nie gesehen. Also: Gesehen. Nicht angeklickt. Das macht oft den Eindruck als kommunizierten wir unentwegt, aber nie so richtig. Ich habe mal ein junges Mädchen in ein Taschentuch weinend neben einem Zug sitzen sehen. Die legte ihre Hand an das Fenster und im Inneren saß ein Junge und tat nahezu das gleiche. Nur berührten sie sich nicht. Ich empfand das als ziemlich bildgewaltig.
Aber man kann sich natürlich mit dieser Distanz auch viel leichter ausdrücken. Oder freier. Eine E-Mail zu schreiben ist ja auch viel einfacher als zu sprechen: Da löscht man halt eine Zeile oder einen Absatz oder einfach alles und fängt von vorne an und drückt erst auf Senden, wenn jede Formulierung so ist, wie man sie haben will und dass sie auch wirklich nicht missverständlich ist. Aber: Gesagt ist halt gesagt. Allerdings: Missverstehen kann man alles Mögliche. Im echten Leben (ich bezeichne das jetzt mal so) kann man sich wenigstens noch rausreden oder das Gegenüber festhalten, wenn es gehen will, weil man was Unangebrachtes gesagt oder was durchaus Angebrachtes unangebracht formuliert hat. Im Internet ist man binnen weniger Klicks entfreundet.
Ein weiteres Bild, dass mir in den Sinn kommt, ist folgendes: Menschen auf Parkbänken. Und der Abstand zwischen ihnen, wenn sie sich nicht kennen, sich aber unbedingt setzen wollen und leider keine Bank ganz frei (also: ganz alleine) ist.
Da kommt nun aber die Frage auf, ob wir nur keine Lust haben auf Kommunikation, oder ob wir sie zunehmend verlernen. Warum es uns schwerer und schwerer fällt, keine Musik zu hören oder kein Buch zu lesen oder nicht auf handtellergroße Bildschirme zu starren. Sondern: Stattdessen vielleicht aus dem Fenster zu sehen oder in die Augen der anderen oder einfach nach vorne. Und vielleicht auch mal zu lächeln. Und hallo zu sagen oder eine Frage zu stellen und eine Antwort darauf wirklich hören zu wollen.
Also: Hören. nicht aufploppen.
 

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