07.11.2009

Sammellinse: Neologismus

Alltägliche Wahrnehmungen, hervorgerufen durch eigenartige Abhandlung von ausgewählten und zufälligen Worten. Eine Kolumne zu Ungunsten der Definition.


Es geht weiter. Wie das Wetter es auch tut. Zieht vorbei und spricht sich aus und tanzt und weint. Wir sollten mehr tun, wonach uns ist. Mehr handeln und weniger einschränken lassen und nutzen, was da ist.

Abgehandelt wird:

Neologismus


Gleich vorab: Ich kann zwar nicht mit Kindern, mag sie aber. Kinder haben eine Eigenschaft, die ich absolut wundervoll finde und die mich im gleichen Moment ungemein traurig stimmen kann. Ich denke nämlich umgehend: Wir haben sie nicht (kaum) mehr. Unsere Phantasie bleibt so oft auf der Strecke. Wann haben wir zum letzten Mal mit dem Finger auf etwas gezeigt und gelacht. Wann ein Blatt berührt, nur um zu es zu fühlen. Wann ein Bild gemalt und wann etwas gesagt, ohne darüber nachzudenken, ob es Sinn macht.

Ich stelle das irgendwie gleich mit Freiheit und der Lust auf Neues. Auf Unbekanntes und Ungreifbares. Ich liebe es, wenn ein Kind mit nichts weiter spielt als zum Beispiel einem Umzugskarton. Ich habe heute auch zufällig eine von Hand beschriebene Postkarte gesehen, auf der steht: I would take swinging on the swings over money, sex and/or power any day. Ich mochte das, weiß allerdings gerade nicht, warum mir das dazu einfällt.
Aber das eigentlich Schöne an der Umzugskiste ist ja nicht, dass das Kind beschäftigt ist, sondern dass es sich zwangsläufig eigene Welten erschafft. Was immer die Kiste sein mag, für das Kind ist sie es in dem Moment wirklich. Einmal habe gehört, wie ein Kind an die Mutter heran trat und sagte: Schau, der kleine Tiger in meiner Hand. Und die Mutter sagte: Der ist ja süß. Und wo ist seine Mama? Kind: Da hinten, unter dem Tisch. Vor kurzem lief ein kleiner Junge in einem Garten umher und spielte mit einem Stoffkänguru, in dessen Beutel es eine Stoffrobbe steckte, welche dann wiederum spontan die Identitäten wechseln konnte. Von Tier zu Tier. Und wenn es etwas nicht gibt, dann wird es halt erfunden. Ein Kind ringt nicht lange um die richtigen Worte. Es benutzt, was es findet. Und schafft damit etwas. Was es damit schafft, bleibt oft unverstanden. Es gibt eben die Grenzen der Sprache. Es gibt Bücher, in denen sie niedergeschrieben, definiert und festgelegt ist. Sprache und das, woraus sie besteht. Sie ist aber doch auch (wenn nicht sogar vor allem) Ausdrucksmittel dessen, was passiert. Ob nun in uns oder um uns. Wie können sich da Gefühle oder Geschehnisse an Vorhandenem orientieren. Sie könnten Vorhandenes vielmehr eliminieren oder zumindest erweitern. Kein geschriebenes Wort kann einpferchen und zusammenfassen, was passiert.
Aber sprachliche Anarchie hat natürlich Komplikationen: Sich verstehen und verständlich machen. Kommunizieren, Konversation führen (konversieren), Mitteilungsbedürfnis. Wunsch nach Verständigung. Was bringt uns unsere eigene Sprache, wenn sie nicht verstanden wird. Warum werden Gedichte interpretiert. Warum abstrakter Kunst eine Aussage zugeschrieben. Warum stelle ich Fragen ohne Fragezeichen. Man kann natürlich jede Emotion in Lautgedichten ausdrücken, aber ein Gespräch wird dadurch überflüssig. Und man vereinsamt noch schneller, als es unsere Generation ohnehin schon tut. Da drücken sich mir aber Existenzfragen auf: Lieber den Preis des Widerstandes zahlen oder den der Phantasielosigkeit.
(Ich neige zur Übertreibung.)
Ich freue mich immer über mir Unbekanntes. Und wenn es das mir Unbekannte gar nicht gibt, freue ich mich noch mehr. Ich habe auch gerade erst gelesen: Wenn das Herz voll ist, quillt der Mund über. Nur zu.
Ich bin sicher: nicht alles, was raus läuft, macht Sinn. Aber vielleicht ist das das Wundervolle daran.
Und ich meine das hier wörtlich: Voller Wunder.

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