23.11.2009

Verstehen.

Ich verstehe mich. Das heißt: Ich lehne mich an eine Wand und vergesse, wo ich bin und finde mich dann nicht zurecht in der mich umgebenden Umgebung. Mache unter Umständen die Augen zu (man blinzelt ja auch) und weiß nicht mehr, wohin eine Straße führt und eine Straßenbahn fährt und wo ein Fluss anfängt und aufhört.

22.11.2009

Sammellinse: Autismus

Alltägliche Wahrnehmungen, hervorgerufen durch eigenartige Abhandlung von ausgewählten und zufälligen Worten. Eine Kolumne zu Ungunsten der Definition.


Zeilen teilen. Gerade erst aufgestanden irgendwie und ein paar Notizen gemacht. Das Netz ist so viel schneller als die Wolken, die am Himmel vorbeiziehen. Ich hätte Lust, die Satellitenschüssel vor meinem Fenster zu zerstören. Einfach so.

Denken wir nach über:

Autismus


Wir haben viel zu viel übrig für Bildschirme und Kram. Wie abhängig man von Geräten ist, merkt man aber (wie üblich) immer erst, wenn sie nicht mehr funktionieren. Was ja auch regelmäßig passiert. Bis dahin allerdings nutzen wir sie rege und verlieben uns in sie und wollen nicht mehr ohne sie sein. Telefone, Navigationsgeräte, Musikspieler, noch mehr Telefone, tragbare Spielkonsolen und natürlich Notebooks und Smartphones und was wir nicht alles mit uns rumschleppen zur Ablenkung von der Außenwelt.

Einmal habe ich einen Mann und eine Frau gesehen, die Hand in Hand durch die Bahnhofshalle liefen, beide Stöpsel im Ohr, aber einander Hände haltend. Als wären sie ineinander gelaufen und zufällig so hängen geblieben. Ich dachte auch kurz, dass die sich vielleicht gar nicht wahrnehmen. Besonders ins Auge stechen mir derzeit auch Jugendliche, die immer einen Stöpsel im Ohr tragen und sich gleichzeitig unterhalten. Man kann das ja als Multitasking abtun, aber durchaus auch als unaufmerksam oder gar unhöflich. Zwei Mädels saßen sich auch mal gegenüber und haben beide mit jeweils zwei Stöpseln Musik gehört und trotzdem unterhalten. Das lief dann ungefähr so, dass sie ununterbrochen die Stöpsel rausnehmen mussten, hä? fragen, kurz hinhören, kommentieren und die Stöpsel dann zurück stecken mussten. Ich habe zum Beispiel auch den Eindruck, dass Musik in Clubs immer lauter wird, sodass es schwerfällt, sich überhaupt noch zu unterhalten. Man wird ja quasi alleine gelassen auf der Tanzfläche oder an der Bar. Dabei fällt mir das schon viel beschriebene Handy Phänomen ein: Zwei sitzen am Tisch, einer geht kurz wohin, der andere zieht das Handy aus der Tasche. Natürlich hat das mit Kommunikation zu tun, man schreibt ja jemanden oder so. Aber sprechen tut man nicht. Wie in den Internetforen. Da hat man auch Freunde über Freunde und kennt manche vielleicht gar nicht und hat manche vielleicht noch nie gesehen. Also: Gesehen. Nicht angeklickt. Das macht oft den Eindruck als kommunizierten wir unentwegt, aber nie so richtig. Ich habe mal ein junges Mädchen in ein Taschentuch weinend neben einem Zug sitzen sehen. Die legte ihre Hand an das Fenster und im Inneren saß ein Junge und tat nahezu das gleiche. Nur berührten sie sich nicht. Ich empfand das als ziemlich bildgewaltig.
Aber man kann sich natürlich mit dieser Distanz auch viel leichter ausdrücken. Oder freier. Eine E-Mail zu schreiben ist ja auch viel einfacher als zu sprechen: Da löscht man halt eine Zeile oder einen Absatz oder einfach alles und fängt von vorne an und drückt erst auf Senden, wenn jede Formulierung so ist, wie man sie haben will und dass sie auch wirklich nicht missverständlich ist. Aber: Gesagt ist halt gesagt. Allerdings: Missverstehen kann man alles Mögliche. Im echten Leben (ich bezeichne das jetzt mal so) kann man sich wenigstens noch rausreden oder das Gegenüber festhalten, wenn es gehen will, weil man was Unangebrachtes gesagt oder was durchaus Angebrachtes unangebracht formuliert hat. Im Internet ist man binnen weniger Klicks entfreundet.
Ein weiteres Bild, dass mir in den Sinn kommt, ist folgendes: Menschen auf Parkbänken. Und der Abstand zwischen ihnen, wenn sie sich nicht kennen, sich aber unbedingt setzen wollen und leider keine Bank ganz frei (also: ganz alleine) ist.
Da kommt nun aber die Frage auf, ob wir nur keine Lust haben auf Kommunikation, oder ob wir sie zunehmend verlernen. Warum es uns schwerer und schwerer fällt, keine Musik zu hören oder kein Buch zu lesen oder nicht auf handtellergroße Bildschirme zu starren. Sondern: Stattdessen vielleicht aus dem Fenster zu sehen oder in die Augen der anderen oder einfach nach vorne. Und vielleicht auch mal zu lächeln. Und hallo zu sagen oder eine Frage zu stellen und eine Antwort darauf wirklich hören zu wollen.
Also: Hören. nicht aufploppen.
 

12.11.2009

nebel.

keine helden keine konkurrenz. keine machtgier und keine gerüchte und maßlosigkeit. keine kriege keine waffen keine gewalttätige übernahme von herzen und seelen und gefühlen und händen. keine spitzeleien.
ich fühle mich beizeiten wie der rauch aus einem schornstein. flüchtig im rest der noch ist. oder: wie der nebel am morgen zwischen den füßen der anderen.

08.11.2009

Broken glass.

I live next to a building site. Next to noise and talking and yelling and running around and workers standing on the pavement chatting over what could have been done. I live next to people spitting out of their windows and men and women drinking beer in the same place they buy it to always be able to get the next bottle right away. I live next to central station without any destination to go to and next to a swimming pool full of hungry mouths. I live around the corner of a sex shop and walk on black plastic bags and piss and broken glass in the morning. People insult me in front my own door, the soles of my shoes are cut open and I actually cannot remember what happened a few nights ago.

07.11.2009

Sammellinse: Neologismus

Alltägliche Wahrnehmungen, hervorgerufen durch eigenartige Abhandlung von ausgewählten und zufälligen Worten. Eine Kolumne zu Ungunsten der Definition.


Es geht weiter. Wie das Wetter es auch tut. Zieht vorbei und spricht sich aus und tanzt und weint. Wir sollten mehr tun, wonach uns ist. Mehr handeln und weniger einschränken lassen und nutzen, was da ist.

Abgehandelt wird:

Neologismus


Gleich vorab: Ich kann zwar nicht mit Kindern, mag sie aber. Kinder haben eine Eigenschaft, die ich absolut wundervoll finde und die mich im gleichen Moment ungemein traurig stimmen kann. Ich denke nämlich umgehend: Wir haben sie nicht (kaum) mehr. Unsere Phantasie bleibt so oft auf der Strecke. Wann haben wir zum letzten Mal mit dem Finger auf etwas gezeigt und gelacht. Wann ein Blatt berührt, nur um zu es zu fühlen. Wann ein Bild gemalt und wann etwas gesagt, ohne darüber nachzudenken, ob es Sinn macht.

Ich stelle das irgendwie gleich mit Freiheit und der Lust auf Neues. Auf Unbekanntes und Ungreifbares. Ich liebe es, wenn ein Kind mit nichts weiter spielt als zum Beispiel einem Umzugskarton. Ich habe heute auch zufällig eine von Hand beschriebene Postkarte gesehen, auf der steht: I would take swinging on the swings over money, sex and/or power any day. Ich mochte das, weiß allerdings gerade nicht, warum mir das dazu einfällt.
Aber das eigentlich Schöne an der Umzugskiste ist ja nicht, dass das Kind beschäftigt ist, sondern dass es sich zwangsläufig eigene Welten erschafft. Was immer die Kiste sein mag, für das Kind ist sie es in dem Moment wirklich. Einmal habe gehört, wie ein Kind an die Mutter heran trat und sagte: Schau, der kleine Tiger in meiner Hand. Und die Mutter sagte: Der ist ja süß. Und wo ist seine Mama? Kind: Da hinten, unter dem Tisch. Vor kurzem lief ein kleiner Junge in einem Garten umher und spielte mit einem Stoffkänguru, in dessen Beutel es eine Stoffrobbe steckte, welche dann wiederum spontan die Identitäten wechseln konnte. Von Tier zu Tier. Und wenn es etwas nicht gibt, dann wird es halt erfunden. Ein Kind ringt nicht lange um die richtigen Worte. Es benutzt, was es findet. Und schafft damit etwas. Was es damit schafft, bleibt oft unverstanden. Es gibt eben die Grenzen der Sprache. Es gibt Bücher, in denen sie niedergeschrieben, definiert und festgelegt ist. Sprache und das, woraus sie besteht. Sie ist aber doch auch (wenn nicht sogar vor allem) Ausdrucksmittel dessen, was passiert. Ob nun in uns oder um uns. Wie können sich da Gefühle oder Geschehnisse an Vorhandenem orientieren. Sie könnten Vorhandenes vielmehr eliminieren oder zumindest erweitern. Kein geschriebenes Wort kann einpferchen und zusammenfassen, was passiert.
Aber sprachliche Anarchie hat natürlich Komplikationen: Sich verstehen und verständlich machen. Kommunizieren, Konversation führen (konversieren), Mitteilungsbedürfnis. Wunsch nach Verständigung. Was bringt uns unsere eigene Sprache, wenn sie nicht verstanden wird. Warum werden Gedichte interpretiert. Warum abstrakter Kunst eine Aussage zugeschrieben. Warum stelle ich Fragen ohne Fragezeichen. Man kann natürlich jede Emotion in Lautgedichten ausdrücken, aber ein Gespräch wird dadurch überflüssig. Und man vereinsamt noch schneller, als es unsere Generation ohnehin schon tut. Da drücken sich mir aber Existenzfragen auf: Lieber den Preis des Widerstandes zahlen oder den der Phantasielosigkeit.
(Ich neige zur Übertreibung.)
Ich freue mich immer über mir Unbekanntes. Und wenn es das mir Unbekannte gar nicht gibt, freue ich mich noch mehr. Ich habe auch gerade erst gelesen: Wenn das Herz voll ist, quillt der Mund über. Nur zu.
Ich bin sicher: nicht alles, was raus läuft, macht Sinn. Aber vielleicht ist das das Wundervolle daran.
Und ich meine das hier wörtlich: Voller Wunder.

Nachts.