05.10.2009

Sammellinse: Dadaismus

Alltägliche Wahrnehmungen, hervorgerufen durch eigenartige Abhandlung von ausgewählten und zufälligen Worten. Eine Kolumne zu Ungunsten der Definition.


Ich mag Gäste. Lasst uns ein bisschen nachdenken und reden und miteinander grübeln über dies und jenes und alles ein bisschen. Wir brauchen nur ein paar Ideen und Minuten und vielleicht einen Regenschirm in diesen herbstlichen Tagen.

Diesmal machen wir uns Gedanken über:


Dadaismus


Irgendwann stand einmal ein Mann mit nackten Füßen und in einen Pelzmantel gehüllt auf der Straße und hielt ein Schild in den Händen. Darauf stand: Politik. An einem anderen Tag: Saulgau. Ich habe lange überlegt, was Saulgau bedeuten soll. Vielleicht vermittelt es Anstößigkeit, vielleicht vermittelt es gar nichts. Politik an sich ist ja auch schwer verständlich anhand der gegebenen Umstände. Wir fanden dann irgendwann heraus, dass Saulgau ein Ort in Baden-Württemberg ist. Aufgehört zu fragen, warum der Mann mit diesem Schild nicht an einer viel befahrenen Straße auf Mitfahrgelegenheiten wartete (und in welchem Bundesland der Ort Politik liegt) haben wir, als wir ihn im Hochsommer an einem Brunnen in der Fußgängerzone stehend ein Weihnachtslied singen hörten. Ich habe mich auch auf meinem morgendlichen Fußweg das ein oder andere Mal erschrocken, als er mit seinen grauen Haaren und seinem grauen Bart auf einer kleinen Mauer zwischen Bäumen stand und auf mich herabblickte.

Seit einiger Zeit habe ich ihn nicht mehr gesehen. Dafür fährt in regelmäßigen Abständen ein Mann auf seinem Fahrrad durch die Straßen und trällert Opernlieder. Ich traf auch auf einen Matrosen, der auf der Straße kleine Kreise gelaufen ist. Als er merkte, dass er meinen Weg kreuzte, hielt er inne und starrte zu Boden. Als ich vorübergegangen war, drehte er weiter seine Runden und stieg dann wieder auf sein Fahrrad. Das tat er an diversen Orten der Stadt; ich habe ihn immer wieder gesehen.
Beeindruckt von der Nonchalance dieser Menschen, versuche ich ganz entspannt meiner Wege zu gehen. Was dazu führen kann, den Faden zu verlieren. Aber wir verlaufen uns ja auch viel zu selten. Ich denke oft: Wir haben so viele Ziele und sind so oft auf dem Weg. Ein Freund hat mir mal gesagt, dass der Weg doch das Ziel sei und ich nickte und sagte: Ja. Was soll man auch mehr sagen, dazu. Man kennt das ja. Diese Sätze. Aber bei genauerem Hinsehen ist das natürlich unheimlich wahr. Und das halte ich mir dann vor, wenn ich mich verlaufe oder einfach nach draußen gehe oder gar nicht nach draußen gehe, weil es auch Tage geben muss, an denen man gar kein Ziel hat (nicht mal einen Weg). Ich bin ein großer Freund von sinnlosen (ziellosen) Tätigkeiten und Begebenheiten. Ich mag Dinge, die nur Dinge sind und sonst nichts. Die Funktionalität von Sachen, Taten und Leuten hat mich auch immer wieder in die Verunsicherung getrieben. Da trifft man sich abends und betrinkt sich des Rausches wegen, zum Beispiel. Aber tagesaktuelle Begriffe wie Comasaufen sind mir ohnehin ein Rätsel. Anders: Da trifft man sich tagsüber und macht Politik, um gewählt zu werden.
Ich muss gerade an ein Buch denken: Ein Mann spricht zehn Sprachen fließend, hat aber keinen Orientierungssinn und ist ohnehin vollkommen unfähig, sich auszudrücken. Diese Ambivalenz erscheint mir irgendwie tagesaktueller als alles, was ich in der Zeitung lese. Es erscheint mir generell weitaus einleuchtender, sich in der Welt nicht mehr zurechtzufinden als sich an ihr zu orientieren. Ich glaube aber auch: Das ist ganz offensichtlich. Gemessen an der Wucht, mit der Verpflichtungen und Anforderungen und all unsere Ziele auf uns einprügeln, ist es doch bei Zeiten ganz entspannend, mal die Augen zu schließen und den Faden zu verlieren. Aber ich finde es auch viel belebender, mich in einer neuen Straße in einer neuen Stadt wiederzufinden anstatt an den immer gleichen Ampeln schon zu wissen, wann sie auf Grün schalten. Mir gefällt auch der Gedanke, an einer grünen Ampel den Verkehr aufzuhalten oder Sätze aufzuschreiben ohne an Grammatik zu denken. Ich mag es, über ein Mittelding nachzudenken zwischen Richtig und Falsch und dann zu merken: Es unterliegt beides Definitionen. Und Definitionen gaben mir schon immer ein beklemmendes Gefühl.
Für Hinweise auf die Besonderheit der Stadt Saulgau bin ich indes immer noch dankbar.

1 Kommentar:

  1. Wildes Assoziieren: Schwitters, ich denke dann immer an Schwitters.

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