05.09.2009

Sammellinse: Solipsismus

Alltägliche Wahrnehmungen, hervorgerufen durch eigenartige Abhandlung von ausgewählten und zufälligen Worten. Eine Kolumne zu Ungunsten der Definition.


Seht selbst. Ich freue mich über Besuch. Schaut rein und sagt hallo. Am liebsten setzt ihr euch kurz (auseinander mit dem) und wir trinken ein Glas oder eine Flasche. Es kommt ja nicht auf das Gefäß an.

Wir stoßen diesen Monat an auf:


Solipsismus




Ein Glück, dass ich überhaupt angekommen bin, in der Arbeit. Ich wundere mich ja jeden Tag wieder, warum ich der Letzte bin, der den Zug betritt und dann auch noch einen Sitzplatz bekommt. Man muss natürlich die richtige Zeit treffen: Die Zeit, zu der Leute ihre Taschen neben sich parken und streicheln. Und dann muss man nur dreist sein und sich einmischen in deren Beziehung. Entschuldigen Sie (Grummeln; vielleicht sogar ein kurzer Blickkontakt), aber ist der Platz hier vielleicht noch frei (Zögerndes Ja, begleitet von widerwilligem Wegräumen der Tasche). Vielen Dank (Keine Antwort).
Da fühlt man sich fast aufdringlich dann auf seinem Sitzplatz. Man hat sich ja eingemischt, und man bedrängt den Nachbarn, und ganz offensichtlich ist es dem Nachbarn nicht Recht, dass er jetzt einen Nachbarn hat. Was ja komisch ist. Vielleicht sollte die Bahn anfangen, neue Sitze zu entwickeln. Ein Sitz und ein kleiner Behälter daneben, für die Tasche. Dann geht man diesem unangenehmen Gefühl der Gesellschaft auch ganz automatisch aus dem Weg. Ich habe ja auch neulich was über die Gesellschaft gelernt: Man ist sie nicht, man hat sie. Unwissend verglich ich die Gesellschaft meist mit Leuten. Dabei leisten wir ja Gesellschaft, statt sie zu sein. Und dann noch das: leisten. Es ist demnach offensichtlich eine Leistung, die wir erbringen. Warum mein Zugnachbar das nicht sehen will, kann ich mir auch nicht erklären.
So stößt man alltäglich auch immer mehr auf Desinteresse. Ich beobachte mit Vorliebe Menschen, die sich in die Quere kommen und muss mich doch jedes Mal wundern, wie wenige sich entschuldigen oder umdrehen und nicht einfach (scheinbar) unbedacht weitergehen. Es interessiert zum Beispiel auch kaum jemanden, wenn er mich auf dem Marienplatz über den Haufen rennt (fröhliches Wegabschneiden auch in der Goethestraße). Vielleicht habe ich nicht die Statur dazu, nicht über den Haufen gerannt zu werden, aber ich sage mir doch oft: Das hat doch was mit Respekt zu tun. Aber mittlerweile glaube ich das gar nicht mehr. Ich denke eher: Wir sind so sehr mit uns selbst beschäftigt, da nehmen wir gar nicht wahr, dass wir jemanden über den Haufen rennen könnten oder gerade gerannt haben. Wir gehen unserer Wege und ziehen unsere Meinungen und Probleme und Sorgen und Entscheidungen hinter uns her. Der Schweif ist lang und schwer genug; da kann man nicht auch noch auf andere achten. Erst recht nicht auf Fremde.
Und die anderen sind auch nicht greifbar. Ein Bekannter sagte kürzlich zu mir: Es gibt keine Realität. Und ich entgegnete entsetzt und ein bisschen verwirrt: Doch. Es ist doch real, dass ich in einem Haus sitze und mit dir rede. Und er bestand darauf, dass das in meiner eigenen Realität so sei, aber jeder eine andere habe und es deshalb keine objektive und also absolute Realität gäbe. Wir einigten uns dann darauf, dass man einen Schinken mit einem Messer aber durchschneiden kann und dass er dann zwei Teile hat. Und dass das schon real sei. Dann tranken wir auf die Erkenntnis. Und ich war mir ziemlich sicher, ich hielt wirklich eine Flasche dabei in der Hand.
Ich glaube aber zunehmend: Wir nehmen wahr, was wir wollen und sehen, was wir wollen und achten auf das, auf das wir achten wollen. Und es will wohl jeder etwas anderes. Gut so. Aber vielleicht kann man sich doch darauf einigen, dass mehr existiert als die eigene Wahrnehmung. Wär doch auch schade um all die Eindrücke, entspränge das alles unserer Phantasie.

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