16.03.2009

etiketten

wir tragen jackett und vorwiegend schwarz und
schlagen die beine übereinander im sitzen
wir trinken kaffee und tee mit milch und zucker
und rauchen oder nicht und sind immer nervös
wir schlafen schlecht und schreiben des nachts in
das buch neben dem bett

wir sparen am falschen ort und essen zu wenig
tragen taschenkalender in umhängetaschen und
brillen zu groß und zu schief für das schmale gesicht
und die schmalen schultern und laufen zügig
durch städte und parks und menschen
unsere handschuhe haben kalte finger und
wir neigen zu alkoholismus

wir erklären uns nicht und manchmal zu viel
sind manchmal beleidigend und zu ehrlich
wir verlieben uns in ideale
und werden ungeduldig
denken nach über respekt und
stehen in schlangen ohne zu drängeln
können zuhause aber kaum ruhig sitzen
wir kratzen die etiketten von bierflaschen
leben mit kopfschmerzen und
gehen nicht zum arzt
wir haben eine blühende phantasie
lesen viel und hören uns um aber
wir beteiligen uns selten

wir zweifeln an uns und unseren fähigkeiten
und wissen nichts mit uns anzufangen
wir sind gerne alleine und fühlen uns dann plötzlich einsam
prügeln uns und verlieren und zeichnen unsere grenzen aus
verabschieden uns ungern und verschwinden einfach
wir lieben die vorstellung vermisst zu werden
wir erwarten zu viel
sind manchmal stolz auf uns und schämen uns dafür
wir sind nicht wichtig

~

uns gibt es gar nicht
wir legen jede kategorie ab
die uns zugehörig macht

stock und stein

die schuhsohlen bröckeln leise auseinander
und wie immer stechender schmerz im hinterkopf
ein nicht ausgelesenes buch in der tasche und
die hände vergraben in den tiefen hosentaschen
in einer welt in der man sieben mal am tag
nach e-mails sieht und vier verschiedene klingeltöne
den herzschlag immitieren
ist es kompliziert den deckel vom stift zu ziehen

vielleicht ist schreiben eine bewegung wie laufen
man denkt eigentlich nicht darüber nach
stockt aber doch immer
wieder

15.03.2009

15 March 2009

wie grau es heute wieder ins fenster rein fällt. fast, als würden die tropfen durchkommen wie sonst vereinzelter sonnenschein. da ist man ja beinahe geneigt, sich mit regenschirm auf das sofa zu setzen, an den tisch.
ich sitze da ja schon im jackett, overdressed, mit meinem buch und meinem kaffee. abwechselnd: kapitel und schluck. die kapitel im neuen juli zeh sind kurz. das funktioniert. was nicht funktioniert: musik hören. ein wackelkontakt im kopfhörersteckloch. manchmal schon lustig, wie abhängig man sich von geräten macht und wie sie die stimmung schwenken können. sogesehen: sind wir ja auch nur wein in einem glas. oder sind wir das glas und die stimmung ist der wein. aber wer schwenkt dann.
jedenfalls tropft es von den kahlen ästen des baumes vor meinem fenster und licht ist an. am mittag.
obwohl: fast sehe ich vereinzelte blätter.

04.03.2009

Distanz.

Wie sich keiner berührt. So gar nicht. Da stehen und sitzen Menschen an einem Ort und starren nur vor sich hin und sagen nichts. Das heißt: Doch. In der zweiten Reihe flüstert jemand. Es geht um nichts. Wie in den anderen Gesprächen auch. Da wird untergraben und nicht wahrgenommen und ich fühle mich so fehl am Platz. So daneben und verkommen.
So wenige Menschen sind da sowieso. Haben sich getroffen um zu trauern und sich zusammenzuraufen, um Auf Wiedersehen zu sagen. Aber zu wem. Zu wem eigentlich. Da wird eine Urne niedergelassen und nichts gesprochen. Sogar die leisen Stimmen verstummen. Alle starren. Und scheinen nicht zu wissen, wie damit umzugehen. Die Beerdigung eines Menschen, der kaum mehr Anhänger hat. Da ist ja niemand. Fast niemand.
Die Knie sind weich und ich überlege noch: Warum. Den Abschied habe ich ja schon gemacht. Vielleicht ist es der schwammige Boden oder es ist die kleine Schaufel, die da in der Erde steckt. Aber das ist alles Trug. Es ist: die Fremde. Nicht der Tod ist zu überwinden. Vielmehr: Die familiäre Distanz. Und ich bin verwundert, warum niemand reagiert. Bis ich es selbst tue.