03.02.2009

Klopfen.

Wo ist es.
Da vorne.
Es liegt bestimmt unter dem großen grünen Sofa. Da verliere ich ständig meine Sachen. Erst vor kurzem habe ich da Geld gefunden. Und ein Feuerzeug. Das funktionierte sogar noch. Es muss darunter sein. In den kleinen Schlitz gerutscht, als ich auf den Polstern eingeschlafen bin, vor dem brüllenden Fernseher. Meine Hand fiel auf das Laminat, strich sachte darüber. Ich merkte nicht, wie das Blut durch lief und sich in den Fingerspitzen sammelte.
Nein. Es ist nicht da. Die Kissen liegen überall im Zimmer verstreut. Das Sofa steht etwas schief. Ich habe es falsch zusammengesetzt. Auszuklappen ist es immer ganz einfach. Der Weg zurück meist schwer. Egal. In der Küche nehme ich mir ein Glas, schmeiße vier Eiswürfel hinein, schneide eine Limette auf. Den Saft drücke ich ins Glas, Rum hinterher. Cola darauf. Die Eiswürfel klirren leise. Ich setze mich auf das Sofa. Mein Gewicht ändert nichts. Ich sitze schief und nur einer meiner Füße berührt den Boden. Der andere taumelt umher, wie meine Hand am Abend zuvor. Sie hat ihn wenigstens berührt. Ein Gefühl. Ein Hauch.
Schicksal. Klar. Ich erzähl dir mal was über Schicksal, hat sie gesagt. Du steigst jetzt in diesen Aufzug und ich in den anderen da. Und dann drückt jeder eine Zahl. Wenn wir im gleichen Stock aussteigen, das ist dann Schicksal. Gut. Den Film hab ich auch gesehen. Wir blicken uns an, als die Türen aufgehen. Oh. Die Überraschung in ihrem Gesicht: Na ja, Schicksal ist wohl Schicksal. Ich muss jetzt leider trotzdem gehen. Hier hast du eine falsche Telephonnummer, unter der du versuchen kannst, mich zu erreichen. Meine richtige steht in irgendeinem Buch. In irgendeinem Antiquariat. Ich hab die Schnauze voll von diesem Film.
Auch unter dem Bett liegt es nicht. Im Wäschekorb, im Kühlschrank, dem Mülleimer. Dem Briefkasten. Irgendeinem Briefkasten. Im Schrank, in der Brusttasche des Jacketts. Im Bücherregal. In der Schublade. Im Aschenbecher, im Rucksack, hinter den Schuhen. Wo kann es nur sein.
Meine Wohnung steht auf dem Kopf. Oder ich. Um mich auszuruhen setze ich mich auf den Lampenschirm und spiele mit dem Fuß an den Deckenleisten rum. Eine löst sich. Die wird sicher runterfallen, wenn ich wieder weiß, wo oben ist und wo unten. Und

Zurück. Ich sitze auf dem Sofa. Der Fernseher läuft. Dieser Film. Ich liege da und passe nicht auf. Ich höre nur jemanden reden. John Cusack oder so. Und starre in die bewegten Bilder. Sie sind eher wie ein Vorhang, der sich im Wind bewegt und vor und zurück schwingt. Obwohl das Fenster nur gekippt ist. Ein Angriffspunkt. Um den Blick zu fixieren. Es kann nicht bequem sein, so wie ich daliege. Ich fühle mich wie zusammengestopft und in eine Tasche gesteckt. Um mich mitzunehmen, damit ich auch mal was von der Welt sehe. Und sei es nur Gucci von innen.
Ich habe Kaffee getrunken. Zumindest einen Schluck. Der Rest ist kalt und steht auf dem Tisch. Ich greife nicht hin. Irgendwie umarme ich mich selbst. Meine Arme sind zu lang. Oder mein Oberkörper zu klein. Und irgendwie schaffe ich es auch, in dieser Haltung zu bleiben. So lange, bis ich einschlafe. Angespannt. Erst, als neben meinen Augen auch mein Kopf zu ist, löst sich mein Krampf und der rechte Arm fällt zu Boden. Und taumelt. Und streichelt.


Zwei Wochen später.

Um mich rum wird getanzt. Und ich verstehe nicht, warum. Das Bier vor mir ist schal. War es schon, als es mir eingegossen wurde, Es schmeckt so, wie ich mich fühle. Draußen regnet es und die Tropfen prügeln sich gegenseitig gegen die Scheibe. Im Takt der Hintergrundmusik. So fühlt sich mein anderes Ich.
Außer dem Geld und dem Feuerzeug habe ich nichts wieder gefunden. Mit erstem kaufe ich ein Bier nach dem anderen. In der Hoffnung, eines schmecke frisch. Mit zweitem gebe ich der Frau Feuer, die sich gerade vor mich gestellt und zu mir runtergebeugt hat. Gerne. Ich sehe ihren BH. Ob der Platz neben mir noch frei sei. Der Sessel zu meiner Rechten, zwischen uns ein Tisch. Ich sehe hinüber. Eigentlich… Sie sitzt schon.
Wie heißt du. Wo wohnst du. Wie alt bist du. Was für Musik hörst du. Kommst du öfters hier her. Was machst du. Arbeitest du. Hast du Durst. Schmeckt dein Bier nicht. Gefalle ich dir.
Ich gehe. Zumindest im Kopf. Mir fällt gerade dieses Lied ein. Ich lasse es laufen. Leider dauert es insgesamt nur etwa vierzig Sekunden. Dann bin ich wieder da.
Nun sag schon. Wie heißt du. Moment. Das muss heißen: Wie heißt du?
Ich sage ihr meinen Namen. Und was machst du? Schon wieder ein Fragezeichen. Ich sage ihr, was ich mache. Ihre Augenbrauen biegen sich. Ich erkläre es ihr, sie fragt warum und was daran interessant sei. Sie sagt, sie habe andere Interessen, z.B.
Ich gehe. Diesmal mit den Füßen. Mein Bier ist leer und ich muss mir ein neues holen. Sage ich ihr. Oh. Sagt sie. Ja. Denke ich.
An der Bar setze ich mich. Trinke noch ein Bier. Und noch eines. Das dritte kippt mir um und läuft über den Tresen. Und den Arm einer Frau. Sie bleibt still. Ich entschuldige mich, sie akzeptiert, stellt mein Glas wieder auf und bestellt zwei neue. Wir stoßen an. Ich mag ihr schwarzes Haar und ihre großen Augen. Ich mag es, dass sie kein Wort zu mir sagt, mich nur ansieht. Dass sie nicht aufhört, mit ihren schmalen Fingern an ihrer Lippe zu zupfen. Ich mag vieles an ihr, stelle ich fest.

Ich trinke aus. Verabschiede mich. Gute Nacht.
Du gehst.
Keine Frage. Ich mag es, dass sie keine Frage stellt, die schon beantwortet ist.
Ich nicke. Sie auch. Dann dreht sie den Kopf und schaut auf den Tresen. In ihr fast leeres Glas mit dem schalen Rest Bier darin. Nickt immer noch. Kurz bleibe ich stehen und betrachte sie. Stelle mir vor, wie es ist, ihr Haar zu berühren. Ihre Haut. Dann drehe ich mich um und gehe nach draußen. Eine Jacke habe ich nicht. Es ist kalt. Aber zu regnen hat es aufgehört.

Ich muss noch mal unter dem Sofa nachsehen. In meinem Auto. Unter dem Sitz. In meiner Kommode. Im Ofen, der Zuckerdose, in den leeren Kisten auf dem Kleiderschrank. In den Umzugskartons, den leeren Flaschen neben dem Esszimmertisch. In der Badewanne. Und dem Spiegelschrank.
Irgendwo muss ich doch liegen gelassen haben. Mein Herzklopfen.

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