18.02.2009

träne

ab und zu wenn ich die augen zuschlage sehe ich ihn und wie er sich bewegt hat und was er gemurmelt hat und wie ich ihm in seine schuhe geholfen habe oder früher als er noch geabreitet hat und dabei bier trank und sogar manchmal noch wie er mit seiner frau zusammen aussah und wie ich als kind seinen sessel umgedreht habe und so getan habe als sei es ein auto und ich sei der fahrer bis das essen serviert wurde oder mir gesagt wurde damit aufzuhören weil es sich nicht gehört und man sich mit den gastgebern lieber unterhalten sollte
aber unterhalten war dann doch nicht mehr so stark als ich älter wurde und plötzlich näher wohnte und zunehmend zeit mit ihm verbrachte weil sich die geschichten wiederholten und vergangenheit mit gegenwart mischte und der kopf nicht mehr auseinanderhalten konnte undoder wollte was wirklich passiert und was nicht und was vor kurzem war und was vor langer zeit und welcher mensch ihn gerade besucht oder wie dieser mensch heißt und ob es ich bin oder mein bruder oder sein sohn also mein vater und was wir sagen und ob er es noch hörte es spielte bald keine rolle mehr er lag da nur noch und sah mich nicht mehr an und verblasste und konnte nicht mehr aufstehen und war beängstigt von veränderungen zu denen schon eine essensumstellung oder das aufstehen und sitzen in einem neuen raum gehörte
und ich sah nur zu und half ein bisschen weil ich nicht mehr machen konnte bis zu seinem umzug weiter weg von mir und seither habe ich ihn nicht mehr gesehen und werde ihn nie wieder sehen und mache mir keinen vorwurf denn wie umgehen mit jemandem der einen nicht mehr sieht und nicht erkennt und der mich immer schon etwas weniger wahrgenommen hat als die anderen aus der familie bis zu dem punkt als das unterbewusstsein ihm einen streich spielte und ich plötzlich in seinem kopf saß und mein name mit allen gesichtern die er sah in verbindung gebracht wurde und er damit nur noch mehr verwirrte und kaum mehr menschen auseinanderhalten konnte weil sie alle mir glichen
und dennoch erinnere ich mich an diese tränen in seinen augen an dem tag als mein bruder mit zu besuch kam und alleine bekam ich keine tränen zu sehen
und gestern sprach ich noch über ihn hatte ich mich doch schon längst verabschiedet und gelöst und gewusst dass es nicht mehr lange dauern würde bis ich diesen anruf bekomme und dann konfrontiert bin mit dem ersten bewussten tod in meiner familie aber gerade gestern hatte ich noch darüber gesprochen und gerade deshalb bin ich so unvorbereitet

ich sage auf wiedersehen und schenke dir eine träne
und entschuldige mich für die wenige zeit
aber auch ich muss verarbeiten

alles liebe

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