22.01.2009

Zeitung lesen.

Er: (sieht hinein).
Sie: (arbeitet).
Er: Ich gehe hinein und trinke einen Kaffee. Ich habe eine Zeitung dabei. Ich bin beschäftigt. Ich könnte mich an die Bar setzen, ihr gegenüber. Sie ist hübsch. Vielleicht kommen wir ins Gespräch, wenn ich mich an die Bar setze, etwas bestelle, einen Kaffee, einen großen Kaffee mit viel Zucker und Milch, und wir kommen ins Gespräch. Sie fragt mich, was ich lese und ich sage: Zeitung. Sie fragt: Welchen Teil. Und ich sage es ihr und wir sprechen über Bücher und Autoren und Lesungen und die Wahlen und das Konjunkturpaket. Vielleicht fragt sie mich, wie ich heiße und ich sage es ihr. Und mache einen guten Witz. Und bringe sie zum Lachen. Wie heißt sie. Trägt sie ein Namensschild. Nur eine Schürze und eine Jeans und ein schwarzes Shirt. Kein Namensschild. Ich werde es herausfinden. Ich gehe hinein und trinke einen Kaffee. An der Bar.
Sie: (arbeitet, wischt mit einem nassen Tuch über den Tresen, sieht kurz auf, als die Türe aufgeht und jemand eintritt. Grüßt freundlich).
Er: Sie ist freundlich. Sie ist nett und sieht nett aus und lächelt nett. Nett ist die kleine Schwester von Scheiße. Finde ich nicht. Nein. Nett ist nett und gut und schön und attraktiv. An der Bar ist ein Platz frei, direkt vor ihr. Ich setze mich und packe meine Zeitung aus. Was wohl auf der Titelseite ist. Ich bin froh, dass ich sie nicht angesehen habe, nachdem ich sie aus dem Briefkasten zog und bevor ich sie faltete und in die Tasche steckte. Eine Überraschung. Ich werde mich selbst überraschen mit meiner eigenen Zeitung. Aber was werden die Leute denken. Es sind nicht viele da. Aber genug. Was wird sie denken. Dass ich sie anmachen will. Belästigen. Warum sollte ich mich sonst auf den Hocker ohne Lehne setzen und nicht auf einen Sessel oder Stuhl an einem Tisch. Mit Lehne. Viel bequemer. Sie wird sich bedrängt fühlen.
Sie: (serviert einem Gast ein Glas Saft).
Er: Die Ecke ist nicht so gemütlich wie sie aussah. Ich schlage meine Beine übereinander. Aber es ist unbequem. Ich weiß nicht wohin mit den Beinen.
Sie: (kommt).
Er: (bestellt Kaffee). Die Zeitung ist zu groß. Ich habe kein Buch dabei. Mann, Regel nicht befolgt: Geh nie ohne Buch aus dem Haus. Sie hat gelächelt, als sie mich fragte, was ich möchte. Ich habe undeutlich gesprochen. Wahrscheinlich sieht sie mich gar nicht. Nur einen Gast.
Sie: (serviert den Kaffee, lächelt, sagt: Bitte.).
Er: (sagt: Dank dir.). Ich lese den Politikteil. Weil er am Anfang ist. Ich fange die Zeitung am Anfang an. Der Kaffee ist zu heiß. Aber doch: Hierher kann ich öfter kommen. Es ist ruhig. Leise Hintergrundmusik, kaum Gäste. Und keine lauten. Ich möchte mit ihr reden. Wenn ich ausgetrunken habe und zahle, spreche ich sie an. Frage sie: Wie heißt du. Frage: Wie ist es, hier zu arbeiten. Frage sie, ob sie hier hauptberuflich arbeite. Mir fallen keine Fragen ein. Ich bin spontan. Irgendetwas. Wie in einem Film. Das Gespräch entsteht durch ein Lächeln. Wir lächeln und die Zähne zeigen sich langsam, bis wir schmunzeln und schließlich lachen und einer das Eis brechen wird. Hoffentlich ist das sie. Hoffentlich ist sie so. So ein Mensch. Und wir verabreden uns und treffen uns und trinken was und quatschen und tauschen Nummern aus und telefonieren lang und gehen spazieren und schlafen nebeneinander im Kino ein und auf dem Sofa und im Bett und trinken guten Kaffee am Morgen und lesen zusammen Zeitung und unterhalten uns über das jeweils vom anderen gelesene und halten die Hände beim Abschiedskuss und lassen sie nicht los, bis die Türe zugehen muss und wir loslassen müssen. Wie in einem Film. Oder einem bunten Photo in einem dieser teuren Magazine. Es ist ein wunderschönes Photo. Den Politikteil lese ich morgen noch einmal.
Sie: (räumt seine leere Tasse ab).
Er: (zahlt, gibt wenig Trinkgeld. Die Summe ist unpassend für mehr).
Sie: (gibt Wechselgeld, lächelt, wünscht ihm einen schönen Tag. Sagt: Bis bald).
Er: (sagt: Dir auch. Bis bald.). Bis bald. Schön hier.

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